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Liebe Anneliese, wir trafen uns neulich ziemlich früh in der Straßenbahn. Du warst auf dem Weg zum Bahnhof. Wann klingelt morgen früh der Wecker für Dich?
Anneliese Feilcke: Wenn ich an einem Wochenende Dienst bei der Bahnhofsmission habe, dann beginnt der Frühdienst um 6:30 Uhr, dann klingelt der Wecker eine Stunde früher, das heißt ich stehe um halb sechs auf.

Du hast Dich entschieden bei der Bahnhofsmission zu arbeiten, was hat dich geleitet, was hat Dich motiviert?
Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht genau. Im letzten Jahr hatte ich die Idee, mich neben meinem Beruf noch ehrenamtlich zu engagieren. Und die Bahnhofsmission war das erste, was mir in den Sinn gekommen ist. Dann habe ich gefragt, ob sie noch Mitarbeiterinnen bräuchten. Und Frau Müller, die Leiterin der Bahnhofsmission in Halle, hat sich darüber gefreut und mich eingeladen, um mir alles zu zeigen. Sodass es ganz schnell ging, dass ich auf Probe arbeiten konnte und ein fester Teil des Teams geworden bin.

Wie stellen wir uns Deinen Dienst genau vor? Lauerst Du am Bahnsteig, dass Fahrgäste Deine Hilfe brauchen?
Ich mache tatsächlich ganz oft Außendienst am Gleis. Da kümmern wir uns um die ein- und aussteigenden Reisenden. Einmal am Tag ist auch jemand angemeldet, der eine Umstiegshilfe auf einen anderen Zug oder zur Tram braucht. Man kann uns also telefonisch vorher bitten, dann kommen wir zur Ankunft des Zuges und helfen beispielsweise alleinreisenden Eltern mit ihren Kinderwagen oder auch behinderten Menschen. Bei den Fernzügen geschieht das unaufgefordert sowieso oft, weil diese Bahnen nicht barrierefrei sind und einen Abstand zur Bahnsteigkante haben. Das ist dann sehr spontan, indem wir vorher am Bahnsteig warten und Ausschau halten, wer unsere Hilfe benötigt.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Du dabei hattest?
Anneliese Feilcke: Ja, ich treffe dabei unglaublich spannende Persönlichkeiten. Gerade wenn man sich beim Warten auf den Anschluss noch mit ihnen unterhält, wobei ich sie frage, woher sie jetzt gerade kommen und wohin sie fahren. Ich glaube, es war im letzten November. Da habe ich eine ältere, zierliche Dame getroffen und sie angesprochen, ob sie mit ihrem Gepäck Unterstützung beim Einsteigen bräuchte. Und das wollte sie. Und dann erzählte sie, dass sie gerade auf Buchtour in Deutschland ist und ihr neues Buch vorstelle. Da ich selber sehr gerne lese, habe ich da sofort nachgefragt. Und dann stellte sich heraus, dass sie die Biographin von Papst Franziskus und von Oskar und Emilie Schindler ist. Das ist eines der schönsten Erlebnisse, weil ich bei dieser Begegnung etwas davon erfahren habe, wie das Leben so spielt.

Ihr tragt Uniform?
Anneliese Feilcke: Ja, ´ne blaue Weste mit dem Logo der Bahnhofsmission und ein Namensschild, damit wir angesprochen werden können. Damit sind wir im Bahnhof erkennbar und präsent.

Dein eigener Grund in Halle anzukommen, war das Studium oder die Arbeit?
Ich bin zum Wintersemester 2013 nach Halle gekommen, um zu studieren.

Und darin arbeitest Du jetzt schon?
Anneliese Feilcke: Ja, ich bin nach dem Studium an der Uni geblieben, um zu promovieren. Und ich arbeite als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin. Ich interviewe Grundschüler zum Literaturverständnis und werte diese empirischen Studien für die Didaktik aus.

In der Bartholomäusgemeinde bist Du nicht schon seit dieser Zeit. Zuerst bist Du noch durch andere Gemeinden gezogen.
Ja, ich war tatsächlich vorher auch in anderen Gemeinden und bin dann auch mal zum Gottesdienst mit Freunden hier gewesen, aber ich kann mich nicht genau erinnern, wie der erste Kontakt war. Viel wichtiger finde ich aber, dass ich den Grund kenne, warum ich geblieben bin: Ich saß in der Kirche und kannte von der Gemeinde nur wenige, aber ich habe mich gleich von dem Gottesdienst angesprochen gefühlt. Das ist ein guter Ort, hier möchte ich bleiben. Die ganze Art und Weise, Gottesdienst zu feiern, hat mich angesprochen. Mich hat beindruckt, wie viel Leben in der Liturgie und der Verkündigung steckt, aber besonders das gemeinsame Schuldbekenntnis gefällt mir.

Da muss ich jetzt mal nachfragen.
Das ist für mich ein unglaublich kraftvoller Moment, wenn so viele Menschen gemeinsam vor Gott treten, ihre Schuld bekennen und offen und frei sind, für das, was als nächstes kommt. Das ist ein neuer Beginn und alle stehen gleichzeitig da, keiner ist ein größerer oder kleinerer Sünder oder Heiliger. Allen ist vergeben und es belastet nicht mehr.

Nun fangen ja viele Studenten hier freikirchlich an. Nach der landeskirchlichen Jugendzeit wollen sie mit dem Studium in der neuen Stadt auch geistlich neu anfangen.
So war das bei mir auch. Ich bin landeskirchlich geprägt und habe hier in Halle erst viele Gemeinden besucht und mich auch bei der Studenteninitiative Campus Connect überkonfessionell engagiert.

Gehört das zusammen? Welche Bedeutung hat für Dich das Ausprobieren und Neuanfangen?
Ich finde das ganz wichtig, weil das Studium auch biographisch ein ganz neuer Lebensabschnitt ist. Das erste Mal lebe ich eigenverantwortlich. Dazu ist es wichtig, unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln, um dann zu erkennen, das ist die Art, wie ich leben möchte, und auch wie ich glauben und beten möchte.

Du hast einen guten Weg und einen guten Platz gefunden. Was war für Dich wichtig, um dahin zu gelangen? Und was würdest Du anderen empfehlen?
Für mich war in dieser Zeit, in diesem Prozess ganz entscheidend, im Austausch mit anderen Menschen zu sein. Das hat mir in den ersten Semestern in Halle sehr geholfen.

Du scheinst viel Wert auf einen reflektierten Glauben zu legen. Darf ich davon ausgehen, dass Du eine mündige Christin sein willst?
Das ist mir wichtig, deshalb bin ich jetzt auch hier im Studentenkreis der Bartholomäusgemeinde. Wobei tatsächlich nur die Hälfte noch studiert, während die anderen schon ihr Referendariat und so weiter machen. Eine schöne, bunte Gruppe, aber auch offen für Neue.

Man könnte also unser Gespräch als Einladung verstehen, wenn eine Studentin es liest, zu kommen.
Ja, genau! Wir sind keine geschlossene Gesellschaft.

Noch ein Versuch, eine Verbindung zu ziehen zwischen der Diakonie und Deiner Zeit im Studium. Wie geschehen Veränderungen im Leben?
Ich habe oft erlebt, dass Veränderungen erzwungen wurden, ohne dass ich für eine Wendung reif gewesen bin. Doch es ist wichtig, mich dem nicht zu verschließen, sondern offen dafür zu sein. Ich kann es nicht genau sagen, wann das genau angefangen hat. Ich möchte aber glauben, dass ich von der Liebe Gottes in allen Lagen getragen bin und sie auch weitergeben kann. So bin ich zur Bahnhofsmission gekommen, in der Annahme, wenn ich Gott um seine Leitung bitte, dass er mich auch durch mein Leben aufmerksam machen wird, wohin der Weg geht. Veränderungen beginnen mit meiner Einstellung. Gott beginnt also im Stillen, bevor es dann äußerlich wird.

Ich bedanke mich für das ehrliche Gespräch! Hast Du ein Motto für Dein Leben?
(lacht und überlegt kurz): It’s all about God and that is an understatement. Ich glaube es ist von John Piper und ich übersetze es: In unserem Leben dreht sich alles um Gott und selbst das ist eine Untertreibung.

Das Interview führte Ralf Döbbeling.