Im Gemeindekirchenrat muss es um die Gemeinde gehen und nicht um mich. Kein Eigennutz, keine Eitelkeit, nur selbstloser Dienst. Meine Erfahrung: Stimmt nicht.

Natürlich versuche ich im Gemeindekirchenrat, der Gemeinde bestmöglich zu dienen, natürlich stecke ich da nichts in meine Taschen. Und natürlich gewinne ich bei der Arbeit Einblicke, lerne Verhältnisse, Zusammenhänge und Menschen kennen, und gewinne damit auch für mich selbst Beziehungen, Erfahrungen, Wissen, Heimat, eben Gemeinde. Mehr Eigennutz geht kaum!

Gleich zu Anfang ging es mit dem „Kirchendienst“ los: Vorbereitung des Kirchenraums, Begrüßen vieler Menschen vor dem Gottesdienst, Lesungen und Glaubensbekenntnis mit Mikrofon von vorne. Meine Erfahrung: Ich lernte die Bartholomäuskirche erst richtig kennen. Die Freundlichkeit vieler Gottesdienstbesucher bei der Begrüßung und dem Abschied an der Kirchentür verschönt meinen Sonntag. Die Mitwirkung im Gottesdienst weckt meine Aufmerksamkeit mehr als früher. Beispielsweise fiel mir erst jetzt die Steigerung von „Ehr sei dir o Herre“ zu „Lob sei dir o Christe“ bei der Evangeliumslesung oder die Gedankenführung von mir, meiner Schuld und Vergebung in der Liturgie hin zur Außenwelt in der Fürbitte auf. Der Gottesdienst gewann für mich an Inhalt und Intensität.

Weiter ging es mit ersten Entscheidungen im Gemeindekirchenrat. Nun gab es Dinge in der Gemeinde, deren Beratung, Entscheidung und Umsetzung ich erlebt oder beeinflusst hatte. Ich wusste mehr über Entstehung und Zusammenhänge der Dinge, lernte nicht mehr nur Gesichter und Namen, sondern Personen und deren Meinungen und Anteil an der Gemeinde oder dem Kirchenkreis kennen.

Im Gemeindekirchenrat nahmen mit dem gegenseitigen Kennenlernen Vertrauen und Offenheit zu. Die Diskussionen wurden damit besser, die Zusammenarbeit erfolgreicher und angenehmer. Die Sitzungsabende wurden von Pflichtterminen („man müsste eigentlich mehr tun“) zu Terminen, vor denen ich mich darauf freute, nette Leute wiederzusehen und gemeinsam über durchaus erfolgversprechende Vorhaben zu beraten.

Die Bartholomäusgemeinde wuchs wenige Jahre nach meiner Ankunft in Halle neben Familie und Beruf zu einem dritten wichtigen Lebensbereich. Dies nicht unbedingt wegen der aufgewendeten Zeit, sondern (auch) wegen der zunehmenden Identifikation mit der Gemeinde. Es ist besonders und berührend, wenn z.B. Änderungen am Kirchturm anstehen, dass schon seit über 700 Jahren Vorgänger daran gearbeitet haben und nach uns wahrscheinlich auch einige Generationen darüber nachdenken werden. Und wenn man glaubt, hier nicht nur ein Vereinsheim, sondern ein Haus Gottes herzurichten, und dies in einer Gemeinde mit zahlreichen engagierten Mitgliedern, denen die Entwicklung wichtig ist. Und wenn man erlebt, wie Kinder und Jugendliche hier Erfahrungen und Maßstäbe aufnehmen, mit denen sie die nächsten Jahrzehnte gestalten werden.

Dass meine Arbeit für die Gemeinde nützlich war, hoffe ich. Dass sie mich glücklicher gemacht hat, weiß ich.

Mark Udo Born