Foto: Iris Hinneburg

Bei den Menschen
Als die Gottesdienste ausfielen, hörten wir einige Stimmen, teils auch anonym an die Kirchengemeinde adressiert, wie wir so willig das Recht auf Religionsausübung und unsere Systemrelevanz aufgäben. Im GKR waren wir uns sehr schnell einig: Die Fachkompetenz von Wissenschaftlern gibt der Regierung die Kriterien an die Hand, was entschieden und durchgesetzt wird, und der Spielraum, der der Kirche bleibt, wird von uns versucht, bis an die Grenze auszuschöpfen – zum Beispiel mit Online-Gottesdiensten.

Begleitend wollten wir seelsorgerlich und aufsuchend bei den Menschen sein. Diese präventive Arbeit ist oft unsichtbar – so wie man in einer Küche die Arbeit mit dem schmutzigen Geschirr nach dem Abwasch nicht mehr sieht. So beschreibt es unser Bischof. Wir wollen das Leben mit Menschen teilen und uns – im Bild gesprochen – um die Küche kümmern. Und zur Nächstenliebe gehört für uns in diesen Zeiten auch, im Gottesdienst niemand anzustecken. (Ralf Döbbeling)

Überraschendes
Die Maßnahmen haben uns alle mehr oder weniger hart getroffen – und dennoch für einige und auch mich viel Gutes mit sich gebracht: mehr Ruhe, mehr Zeit für Wesentliches, intensive Beziehungen trotz Abstand, einen besonders schönen Frühling mit sauberer Luft, scheinbar mehr Vogelgesang und mehr Insekten…

Aber zu Ostern keine Gottesdienste feiern zu können, fand ich doch unvorstellbar. Und dann die Überraschung: Mit einer Freundin ging ich am Ostersonntag zum Ochsenberg, um den Sonnenaufgang zu erleben. Als wir ankamen, waren ziemlich viele Leute auf dem Berg verteilt, die offenbar alle die gleiche Idee hatten. Wir haben nicht nur einen wunderbaren Sonnenaufgang erlebt, wir haben zusammen gesungen und gebetet und so eine sehr besondere spontane Osterandacht erlebt. (Christine Rehahn)

Erfahrungen mit den Senioren
Als die Kontaktbeschränkung verordnet wurde, war es gleich klar: Wir wollen die SeniorInnen unserer Gemeinde begleiten und – vor allem durch regelmäßige Telefonate – Freuden, Sorgen und Nöte mit ihnen teilen, zuhören, beten und geistliche Impulse weitergeben. Dies wurde dankbar angenommen. Manche SeniorInnen waren (und sind) familiär und nachbarschaftlich gut eingebunden, so dass praktische Hilfe kaum nötig war. Aber sie freuten sich über den Austausch und den Kontakt zur Gemeinde. Schön, dass sich einzelne nach dem Wohlergehen unserer älteren Gemeindeglieder erkundigt haben, um durch die Fürbitte ihre Fürsorge zu zeigen. (Heidrun vom Orde)

Ein besonderer Karfreitag
Karfreitag 2020. Ganz anders. Am Vorabend hatten wir zu zweit ein Tischabendmahl gefeiert. Schon das hatte mich bewegt. Den Karfreitag beginnen wir mit der Übertragung des Gottesdienstes aus der Frauenkirche in Dresden. Am Nachmittag dann eine Übertragung der Johannespassion aus der Thomaskirche Leipzig mit ganz besonderer Aufführungspraxis und digital zusammengeführten Chören aus aller Welt. Am Abend durchleben wir dann noch einen Livestream der musikalischen Lesung des Duo „2Flügel“.

All dies sind nicht nur „Zuschauer-Programme“ – es ist durchlebter Karfreitag in allen Facetten. Intensiv, bewegend, nahegehend. Ich bin mir sicher, dass wir ihn in dieser Dichte unter „normalen“ Umständen so nicht hätten erleben können und bin sehr dankbar für die Erfahrungen. (Josefin Heinze)

Unverhoffte Begegnungen
Plötzlich nur jeden zweiten Tag ins Büro dürfen und keine Schulkinder mehr im Kirchhof – das kam unerwartet! Außerdem kein Kirchencafe, kaum mehr Begegnungen mit Freunden und Bekannten. Da sucht man sich liegengebliebene Arbeit. Im Kirchhof hatten Brennesseln, Trockenheit und Kinder einiges verändert. Nun war die Zeit fürs Gärtnern da. Herrliches Wetter, Vogelgesang, niemand trat die Aussaat nieder, und die größte Überraschung: nette Gesellschaft! Einige aus Gemeinde und Nachbarschaft spazierten durch den Kirchhof, und schon gab es wieder die Begegnungen und Gespräche! Fehlte nur der Kaffee. (Antje und Mark Udo Born)