
Viele Untertanen der britischen Queen glauben zwar, dass der Hofkomponist schon mit Themsewasser getauft wurde, um später königliche Gunst für sein geniales Musikschaffen erhalten zu können. Doch der kundige britische Händelliebhaber ist durchaus interessiert an den mitteldeutschen Wurzeln des großen Meisters. In Halle findet man inzwischen auch mehr als Händels Wiege und Taufstein – zum Beispiel Zeugnisse musischer Begabung, die sein Großvater ihm vielleicht in besagte Wiege hineingelegt hat. Ein solches Zeugnis fand man im Turmknopf der Halleschen Bartholomäusgemeinde. Es handelt sich dabei um ein Gedicht von Georg Taust, Großvater Händels und von 1654 – 1685 Pfarrer an der Giebichensteiner Kirche.
Gedicht von Taust, 1661
Als man hier vor drei Jahren den schadhaften Turmknopf herunternahm, fand man in der Kapsel die stark beschädigte und nur noch fragmentarisch lesbare Handschrift des dichtenden Predigers. Aus den lesbaren Teilen entnimmt man eine zeitgemäße Stellungnahme zum Ausgang des 30jährigen Krieges, dem auch die Turmspitze der Bartholomäus-Gemeinde zum Opfer fiel. Da ist vom Herzog von Sachsen die Rede, von „des Papstes Wüten“ – aber „des Herren Güt und Treu ist alle Morgen neu“. Das Gedicht wurde vermutlich 1661 verfasst, da in diesem Jahr die zerschossene Turmspitze erneuert wurde.
Die Wirren des Krieges führten die Familie Taust aus dem Böhmischen nach Halle, wo Tochter Dorothea von dem verwitweten und deutlich älteren Giebischensteiner Amtsarzt Georg Händel 1683 erwählt wurde. Die Trauung fand in der Bartholomäus-Gemeinde statt. Zwei Jahre später wurde Sohn Georg Friedrich geboren. Von dem dichtenden Großvater allerdings kann Händel nicht sehr viel gelernt haben. Georg Taust starb 1685, wenige Monate nach Georg Friedrichs Geburt.
Für Bernd Hofestädt, Vereinschef der Halleschen Familienforscher und selbst mit Händel verwandt, bringt der Fund aus der Turmknopfkapsel der Bartholomäus-Gemeinde keine großen Neuigkeiten. Dass die Familie Taust dichterische Begabungen besaß, ist jedenfalls mehrfach belegt. Auch Händels Onkel und Vettern standen zum Teil in kirchlichen Diensten in und bei Halle, waren gebildet und wortgewaltig und pflegten das Schreiben und Rezitieren in Versmaßen, wie Hofestädt herausgefunden hat. Auch von Händel selbst ist ein frühes Gedicht überliefert, das der 12jährige im Schmerz über den Verlust des betagten Vaters verfasst hat. So wird wohl der musischen Begabung der Familie mütterlicherseits ein gewisser Anteil am enormen künstlerischen Schaffen Händels zuzuschreiben sein.
Dass Händel seinen Wurzeln treu blieb, ist für Edwin Werner, Musikwissenschaftler und Direktor des Händelhauses, auch in seiner Musik erkennbar. Hinter den italienischen und englischen Einflüssen ist für das geschulte Ohr immer auch die mitteldeutsche Kantorentradition hörbar, wie sie Händel zeitlebens gepflegt hat.
Händel ließ sich nach langen, unsteten Jahren in Hamburg, Italien und Hannover 1712 endgültig in England nieder, und kehrte nur zu kurzen Besuchen auf den Kontinent zurück. Dennoch hielt er den Kontakt zu seiner Familie und zu seiner Mutter, die 1730 in Halle verstarb. Auf seinen Reisen versuchte er immer auch, Kurzbesuche bei seinen Verwandten einzurichten. Seine Verbundenheit mit der Familie zeigt sich für Bernd Hofestädt auch darin, dass Händel, der 1759 in London starb, mit seinem Nachlass auch Hinterbliebene in der alten Heimat großzügig bedachte.
Die Handschrift von Georg Taust ist im Original nicht wieder im Turmknopf der Bartholomäus-Gemeinde verschlossen. In einer kleinen Ausstellung in der Bartholomäus-Gemeinde wurde das Papier schon der Öffentlichkeit gezeigt. Während des Turmfestes wurde das Fragment am neunten Dezember 2000 an das Händelhaus übergeben. Nach der Restaurierung wird es dort im Museum zu bewundern sein.
Frieder Weigmann