Gemeindebeitrag 2022

Auch in diesem Jahr bitten wir Sie wieder um den Gemeindebeitrag. Vielen Dank an alle, die ihn bereits überwiesen haben!

Für eine lebendige Gemeindearbeit brauchen wir nicht nur engagierte haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch Finanzen. Einen Teil davon erhalten wir über Zuweisungen der Landeskirche, die sich unter anderem aus Kirchensteuerbeiträgen speisen. Allerdings zahlen nicht alle Gemeindemitglieder tatsächlich Kirchensteuer. Deshalb ist die Gemeinde zusätzlich auf Ihre Unterstützung in Form des Gemeindebeitrags angewiesen.

In diesem Jahr 2022 konnten wir durch Ihre große Spendenbereitschaft eine Reihe von Projekten verwirklichen: Wir haben das Abendmahlgerät restauriert und können es inzwischen wieder für unser Abendmahl nutzen. Für die Kinder- und Jugendarbeit konnten wir das ehemalige Gemeindebüro in einen Godly-Play-Raum umgestalten. Godly Play ist ein Konzept, bei dem junge Menschen spielerisch und erzählerisch Gott begegnen können. Der Raum wurde renoviert, wir haben in neue Möbel investiert und seit den Sommerferien wird der Raum aktiv genutzt.

Räume für gemeinsame Begegnungen haben Ihre Spenden nicht nur im wortwörtlichen Sinn unterstützt: Sondern auch bei der Gemeindefreizeit, der Jarü (Jahresrüste der Jugendarbeit), im Kirchencafé und bei Jugendabenden. Ich möchte Ihnen stellvertretend für den GKR für diese Freigiebigkeit danken.

Warum ist der Gemeindebeitrag auch weiterhin wichtig? Für 2023 haben wir einige große Projekte geplant:

  • Wir wollen die Orgel umfassend restaurieren. Das ist inzwischen dringend nötig.
  • Bereits für 2022 war geplant, unsere Jugendarbeit durch eine Zusammenarbeit mit der Organisation Pais zu verstärken. Wir hoffen, dass wir die FSJ-Stellen in 2023 tatsächlich besetzen können.
  • Auf dem Kirchhof müssen wir die großen alten Bäumen begutachten und pflegen lassen und es stehen auch einige Neupflanzungen an.

Und sicherlich wird auch einiges andere unverhofft und unerwartet auf uns zukommen. Sie sind alle eingeladen, sich mit Ihren Ideen für die Gemeinde mit einzubringen!

Für den Gemeindebeitrag gibt es jährliche Richtwerte, die für alle volljährigen Gemeindemitglieder gelten:

  • 15 Euro für volljährige Schüler, Auszubildende und Studenten bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres, Empfänger von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder ähnlichen Leistungen, Gemeindeglieder ohne eigenes Einkommen
  • 42 Euro für alle, die Kirchensteuer zahlen

Wer Einkommen hat, aber keine Kirchensteuer zahlt, kann den Richtwert dieser Tabelle entnehmen (jeweils in Euro):

monatliches Netto-Einkommen Gemeindebeitrag pro Jahr
bis 600 36,00
bis 700 42,00
bis 800 48,00
bis 900 54,00
bis 1.000 60,00
darüber je 100 Euro Einkommen 6 Euro jährlich zusätzlich

Gerne können Sie für den Gemeindebeitrag eine Spendenquittung (Zuwendungsbestätigung) erhalten. Der Gemeindebeitrag und alle anderen Spenden an die Gemeinde sind steuerlich abzugsfähig.

Danke, dass Sie Ihrer Verbundenheit mit Ihrer Gemeinde auch im finanziellen Bereich Ausdruck verleihen!

Henriette Meyer

Ein idealer Ort für ein Vikariat

Seit 1.9. ist Fridolin Wegscheider, Jahrgang 1992, Vikar in der Bartholomäusgemeinde. Wir erreichen ihn per Videokonferenz in Neudietendorf, wo er gerade an einem Seminar teilnimmt. Gleich danach erwartet ihn die Talarschneiderin zur Anprobe.

Lieber Fridolin, erzähl uns von deinem Weg bis hierher.

Ich komme aus Dresden, aus einem künstlerischen Elternhaus. Mein Vater ist Orgelbauer, meine Mutter Sängerin. Kirche war mir daher immer schon ein vertrauter Ort, vor allem aus der musikalischen Perspektive. Ich bin auf ein katholisches Gymnasium gegangen. Das war eine tolle Zeit, in der ich den Glauben noch mal ganz neu und anders kennen- und lieben gelernt habe. Über einen Religion-Leistungskurs, in dem ich eher zufällig landete, reifte die Entscheidung, Theologie – neben Sprach- und Literaturwissenschaft – zu studieren. Ich hatte vor, Lehrer zu werden. Ins Pfarramt fühlte ich mich zunächst nicht berufen. Den Impuls dafür brachte ein Klosteraufenthalt, der mich motivierte, in Dresden auf die Suche nach einer geistlichen Heimat zu gehen. Diese wurde die Studierendengemeinde, in der ich erlebte, wie Kirche sein kann, welche Freiräume dort möglich sind. 2018, nach meinem Lehramtsstudium, zogen meine Frau und ich dann nach Halle um, wo ich bis vergangenen Sommer Theologie studiert habe. Ich bin sehr froh und stolz, nach 10 Jahren an der Uni, inzwischen auch Vater von Zwillingen, meinen zweiten Abschluss in der Tasche zu haben und freue mich auf den weiteren Weg.

Welchen Bezug hast du zur Bartholomäusgemeinde?

Als der Anruf von der Landeskirche kam, dass ich mein Vikariat in der Bartholomäusgemeinde machen dürfte, habe ich mich riesig gefreut. Ich kannte die Gemeinde vorher nicht, hatte aber schon von Kommiliton*innen gehört, was für eine tolle Gemeinde mit einem unheimlich reichen Gemeindeleben das ist. Das ist natürlich ein idealer Ort für ein Vikariat. Ich sehe das als große Chance.

Worauf freust du dich, was bringst du mit?

Mit meiner Geschichte freue ich mich auch auf eine spannungsvolle Begegnung, weil ich glaube, dass ich an der einen oder anderen Stelle ganz andere Impulse mitbringe mit meiner Persönlichkeit und meiner Frömmigkeit. Und ich freue mich auf viele Impulse aus der Gemeinde. Ich bin sicher, dass ich da ganz viel erleben kann, das mir bisher vielleicht so noch nicht begegnet ist.

Was bedeutet Glaube für dich?

Zunächst etwas sehr Persönliches. Ein Gefühl des Ankommens. Ich empfinde eine gewisse Diskrepanz zwischen Lebensalltag und Welt auf der einen und Glaubensheimat auf der anderen Seite und ich würde mir wünschen, dass das mehr zusammengeht. Deswegen ist dieser Modus des Ankommens für mich ganz stark, ein Zur-Ruhe-Kommen. Glaube bedeutet für mich ein Grundvertrauen in der Frage zu haben, wo es hingeht im Leben, damit nicht allein zu sein. Zugleich ist er für mich aber auch etwas sehr Offenes. Ich habe Glaube an und mit Menschen schon sehr verschieden erlebt ­– und das hat mir auch gelingendes Leben offenbart.

Gleich wirst du einen Termin bei der Talarschneiderin haben. Was ist das für einen Moment?

Foto: privat

Ich bin sehr aufgeregt, das ist eine Entscheidung für sehr viele Jahre. Aber sie hat uns auch beruhigt, dass man vieles auch im Nachhinein noch ändern kann. Ich freue mich riesig darauf.
Einen Talar zu tragen, bedeutet einen Rollenwechsel, man legt ein Stück seiner Privatperson ab. Es hilft, sich zu konzentrieren. Und es bedeutet auch, sich zu erinnern, dass man in einer Tradition steht. Ich kann Traditionen sehr genießen, aber gleichzeitig finde ich es wichtig, sich daran nicht festzubeißen und offen für Prozesse und Veränderungen zu sein.

Wann können wir dich in der Gemeinde treffen?

Im Augenblick bin ich noch voll im Dienst an zwei Halleschen Gymnasien eingespannt. Das läuft im Februar allmählich aus, dann bin ich immer mehr in der Gemeinde präsent. Aber auch im ersten halben Jahr des Vikariats werde ich schon zwei Gottesdienste halten.

Vielen Dank für das Gespräch und einen gesegneten Start in dein Vikariat bei uns!

Das Gespräch führte Katharina Lipskoch.

Angedacht zum Ewigkeitssonntag

Diese Auszüge aus ihrer Predigt im Pfarrbereich Hohenthurm hat Dorothea Vogel freundlicherweise für den Newsletter zur Verfügung gestellt.

  1. Wann ist Endzeit?
    Genauer: Kommt sie erst noch oder ist sie schon?

Die Endzeit als Wiederkommen von Jesus steht noch aus. Es wird noch gewartet auf das Wohnen Gottes bei den Menschen. Wenn gelten wird, was wir im letzten Buch der Bibel lesen:
Offb 21,4 [U]nd Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.

Aber die Endzeit ist auch schon da. Seit Jesu Tod und Auferstehung leben wir in der Endzeit. Vermutlich haben auch Sie bestimmte Assoziationen zu dem Wort Endzeit-Stimmung. Es ist düster, aussichtslos, unerträglich … Nicht nur in Kinofilmen, sondern auch beim Blick in die Geschichte oder die täglichen Nachrichten spüren wir sie. Und manchmal auch in der eigenen Biografie.

2. Wann endet meine Zeit?

Natürlich weiß ich das nicht. Und das ist auch gut so. Doch gibt es einen Satz aus den Psalmen, der mir seit vielen Jahren eine Orientierung ist.

Ps 90, 12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Als ich diesen Satz zum ersten Mal beim Totengedenken in einem Gottesdienst hörte, empfand ich ihn als Zumutung. Ich wollte vom Sterben nichts hören. Sterben und Tod bedrängten mein Leben. Was hat das, bitteschön, mit klug werden zu tun, fragte ich mich. Nach einiger Zeit stieß ich auf einen anderen Satz. Einige werden ihn kennen: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter.“ Darüber konnte ich besser nachdenken. Was würde das heißen? Könnte ich das ermessen? Nicht wirklich. Aber doch gab er mir eine Entscheidungshilfe. Wenn etwas wichtig für mich ist, erledige ich es heute. Am besten gleich nach dem Aufstehen. Das erwies sich für mich als richtig.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Sprüche-Adventskalender. An einem Tag las ich folgenden Text: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein erster.“ Hoppla, dachte ich. Was ist das denn? Das ist ja das genaue Gegenteil zu dem anderen. Ich fühlte mich herausgefordert. Herausgefordert, staunend, im Augenblick und intensiver zu leben. Nach und nach kamen beide Sätze für mich zusammen: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein erster und dein letzter.“ Und dann staunte ich nicht schlecht, als ich in diesem Jahr herausfand: Dieses Zitat wird als Ganzes dem Barockdichter Angelus Silesius zugeschrieben. [Anm.: Angelus Silesius, lat. Schlesischer Bote/Engel, eigentlich Johannes Scheffler, 1614-1677, Breslau, dt. Lyriker, Theologe und Arzt; Barockliteratur, der Mystik nahe stehend]

3. Wann nehme ich mir Zeit, mein Ende zu bedenken?

Für mich ist es das so genannte Kirchenjahr. Vom 1. Advent bis zur Woche vom Ewigkeitssonntag werden alle wichtigen Lebensthemen im Laufe des Jahres platziert und bedacht: Freude und Feiern, Fasten und Neubeginn, Ernte und Ende, auch Warten und Hoffen, Beistand und vieles mehr. Am Ende des Kirchenjahres ist Platz, um über das Ende des Lebens nachzudenken. Raum für Erlebnisse, Befürchtungen, Ängste und Trauer, Wut und Mutlosigkeit. Es ist Zeit, um nach Haltepunkten im Leben und im Sterben zu suchen. Nach Hoffnungszeichen und Licht Ausschau zu halten, die mir den Tod ausleuchten; die mir helfen, mein Ende anzuerkennen. Mein Leben ist endlich. Das macht es wertvoll.

4. Was erwarte ich nach dem Ende der Zeit?

Oder erwarte ich nicht, dass die Zeit endet, sondern immer fortdauert? Oder wenn sie endet, dass auch das Sein endet? Oder im biblischen Sinne, dass alle Zeiten, d. h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen und somit ein Ganzes werden?

Dieses Ganze nennt die Bibel Ewigkeit. Sie öffnet sich. Sie ereignet sich. Und ich bin mittendrin und ganz lebendig. In diesem Sinne ist ewiges Leben für mich, wenn im Leben das Bisherige zusammenfällt, um ein Ganzes zu werden!

Dorothea Vogel

Doch kein Friede auf Erden

Es gibt nicht nur die fernen Konflikte. Wir wissen: Auch Christen sind nicht per se in jeder Lage Friedensstifter. Oft wird das aber verdrängt wie in Familien, in denen die Spannungen um des lieben Friedens willen nicht angeschaut werden, weil das eigene Nest nicht beschmutzt werden darf.

Deshalb benennen wir hier ehrlicherweise, dass es innerhalb der Gemeinde in der letzten Zeit zu Streit gekommen ist. Wir müssen uns dazu stellen, dass unsere Fähigkeit in der Gemeindeleitung, zu einer gelingenden und verbal gewaltfreien Kommunikation beizutragen, nicht ausgereicht hat und sich daher Parteiungen gebildet haben, die aneinander geraten sind. Und zumindest in Teilen wäre es ohne mediierende Hilfe weiter eskaliert.

Das ist beschämend, aber es wird nicht besser, wenn man es nicht ansieht. Nun kann man einen Teil der Problematik sicherlich auch auf einen gesellschaftlichen Wandel schieben. Wir haben als Gemeindemenschen die gleiche Entwicklung mitgemacht wie alle Gesellschaftsmenschen, die aufgrund der größeren Abstände und der verminderten Zusammengehörigkeit dazu neigen, schneller scharf zu reden als vor der Pandemie.

Aber das entschuldigt nichts. Wir wollen lernen, nüchtern (sachliche Ebene) und in bester Annahme voneinander (geistliche Ebene) zu denken und zu sprechen. Es gilt nun zu versöhnen, was nebeneinander her- oder auseinander läuft. Die Botschaft des Friedens und die Seligpreisungen weisen uns für diese Aufgabe den Weg.

Ralf Döbbeling

Angedacht: Existenziell

Existenzminimum, Existenzgründerin, Existenzangst: Allein diese Wortkombinationen deuten an, dass die Frage nach der Existenz keine Frage ist, die einen Menschen gleichgültig lassen kann. Sie kann bedrohlich werden, wenn die Fragen „Wovon lebst Du?“ und „Wofür lebst Du?“ nicht befriedigend beantwortet werden können. Die Frage ist existenziell. Für jeden von uns, denn egal, wer wir sind, jede und jeder hat eine Existenz und ist in dieser unvertretbar.

Es war einmal ein Haus, in dem ein General auf der Flucht vor seinen Verfolgern einen Schatz versteckt hat. Das Haus umgab seitdem ein Geheimnis. Eines Tages in einer anderen Zeit brannte das Haus ab. Wochenlang gruben die letzten Bewohner des Hauses mit allen dem Brand Entkommenen metertief den Keller des zerstörten Hauses auf. Sie drehten jeden Stein um, beseitigten jeden verbrannten Holzbalken und schaufelten den Sand sorgsam auf Haufen. Doch den Schatz fanden sie nicht. Scheinbar war es nur ein Gerücht gewesen, eine schöne Geschichte, aber reich wurden sie davon nicht.

Jeder Mensch braucht solch eine Geschichte. Eine Erzählung oder einen Zuspruch des Wertes seiner Existenz. Wenn ein Mensch die Vermutung hat, etwas Kostbares zu finden, macht er sich auf die Suche. Gründet eine Existenz, sichert seine Existenz, wappnet sich gegen die Absurdität, nimmt sich ein Beispiel an anderen, die schon einen Sinn gefunden haben. Wenn alle Häuser, im Bild der Geschichte gesprochen, gleich geheimnisvoll wären, dann würde man nicht suchen. Erst die Vorahnung, dass irgendwo ein Schatz gehoben werden kann, motiviert die Suche.

Wer das Wort Existenz in seinem Wortschatz besitzt, ist ein Mensch mit einer geweckten Vermutung. Es gilt, mit dem Leben etwas anzufangen und etwas zu wagen. Die pure Moral, sich nützlich zu machen und für die Existenzsicherung zu arbeiten, führt vermutlich nicht zum Schatz. Das Leben braucht dringend etwas, das man nicht kaufen, gebrauchen, einsetzen oder vermarkten kann. Existenziell ist etwas, das nicht nur den Einsatz des Geldes braucht. Zeit ist da schon angemessener. Am weitesten aber trägt das, wofür man sein letztes Hemd geben würde. Wofür man alles andere dran gibt, um es zu finden.

Das Wort dafür in der christlichen Tradition ist Gottesfurcht. Eine Begegnung mit Gott ist nicht alltäglich, eine Begegnung wie sie ist besonders. Ich kann sie erhoffen, aber nicht erwerben. Ich werde aber, wenn sie sich ereignet, alles dafür geben. Denn sie ist existenziell. Sie schenkt und fordert zugleich. Sie hat mit Liebe und Eifersucht zu tun, weil sie unter die Haut geht. Möge jede und jeder das zum Leben Notwendige haben, nicht hungern und nicht frieren müssen. Möge aber jede und jeder auch zum Schatzgräber werden und auf die existenzielle Frage eine Antwort suchen.

Ihr Pfarrer Ralf Döbbeling

Angefacht: Selig, wer sucht, denn er wird gefunden werden

Jesus antwortete: »Ich bin der Weg und das Leben, denn ich bin die Wahrheit. Einen anderen Weg zum Vater gibt es nicht. (Johannes 14,6)

Ich habe diesen Satz nie als Seligpreisung gelesen, aber die Lektüre von Marie Noël hat mich darauf gebracht. Sie schreibt in ihren intimen Notizen, also vermutlich zuerst in ihr Tagebuch:
„Der Mensch, dessen bohrendes Denken schmerzlicherweise niemals aus sich heraus das Licht Gottes erreichen wird, dessen ganzes Leben Ihn aber sucht und dessen ganzes Wollen zu Ihm geht; dieser Gerechte, dieser Reine, dieser Geopferte, dieser Arme des Herzens, dieser allen Hingegebene, der in Christus auf verlorener Straße wandert, er wird eines Tages, im letzten Dunkel dieser Welt oder dem ersten der anderen [neuen], das Licht sehen, dem er folgt; und Der für diesen Menschen Weg und Leben war, an diesem Tage wird Er Wahrheit sein.“

Aus: Marie Noël, Erfahrungen mit Gott. Eine Auswahl aus Notes Intimes, Mainz 1961, S. 124

Das ist eine Seligpreisung. Selig, wer sucht, denn er wird gefunden werden und dann wird ihm Jesus die Wahrheit sein. Kann eine nicht aus dem Evangelium stammende Seligpreisung beseelen? Kann sie der Schwachheit unseres Glaubens helfen?

Wir wissen mittlerweile so viel über Individualität, dass allgemeine Aussagen für uns gänzlich banal geworden sind. Jedes Wort, jede Geste, jede Herausforderung, jede Krankheit, um nur ein paar Dinge zu nennen, gehen durch unseren Körper, durch unseren Geist und auch durch unsere Glaubensbiographie so besonders hindurch, dass man nicht annehmen könnte, es gäbe irgendeine Verallgemeinerung.

Jedoch auf unser je persönliches Seufzen, dass uns jemand hört und annimmt, reagiert Gottes Geist so persönlich und menschlich, dass es viele nicht nur individuell gebrauchen und sich selbst zu Nutze machen können. Es könnte sein, dass andere es auch in Anspruch nehmen.

Ich möchte sogar so weit gehen zu spekulieren, dass seit Thomas dem Zweifler für manche Sehen seliger ist als Glauben. Selbst wenn Jesus genau das in seiner Seligpreisung ausgeschlossen hat.

Ralf Döbbeling