knaufDie Vergesslichen haben schon gar nicht mehr daran gedacht, daß etwas fehlt, und die Skeptiker haben fast nicht mehr geglaubt, daß er wieder kommt: der Turmknopf, aufs Dach unseres Kirchturms. Drei Jahre war unsere Kirche sozusagen oben ohne. Doch was lange währt, hat Gold im Mund. Oder außen drauf, oder so ähnlich …

Seit dem 9. Dezember 2000 ist unsere Kirche jedenfalls wieder oben mit, der Turmknopf ist ganz dem Vorgängermodell nachgestaltet, nur dass ihn jetzt auch noch eine hauchdünne Vergoldung ziert. Die Wetterfahne dagegen wiederum völlig neu gestaltet und erhielt neben zwei anderen Jahreszahlen die weithin sichtbare 2000-Stanzung. Der Termin, der diese Eintragung gerade noch legitimierte, war relativ kurzfristig anberaumt, und mit der kalten Jahreszeit und obendrein mitten im Advent für ein Publikumsereignis nicht gerade günstig gewählt. Dennoch traute sich die Gemeindeleitung zu, das ganze als Stadtteilfest zu konzipieren – mit Werbung, Verköstigung und einem bunten Programm.

In den wenigen Wochen Vorbereitung ging den Verantwortlichen dann auf, welche Möglichkeiten sich um die Neugestaltung der Turmspitze rankten: festlicher Abschluss der wesentlichen Bauvorhaben der letzten Jahre an Kirche und Gemeindehaus, feierliche Übergabe eines in der alten Kapsel gefundenen Schriftstücks an das Händelhaus, die Einladung prominenter Vertreter der Stadt in unsere Gemeinde und, als Zugabe, die Freischaltung des Internetauftritts der Gemeinde.

Aber der Reihe nach.

Reinhard Rüger mit dem Gedicht von Georg Taust

reinhardAls 1997 der alte Turmknopf wegen Schäden am Turmdach heruntergenommen wurde, nutzte man natürlich die Gelegenheit, die darin verborgene Dokumentenkapsel zu öffnen. Was da in einer Gemeindekirchenratssitzung zum Vorschein kam, war ein Sammelsurium zeitgeschichtlicher Belege aus mehr als drei Jahrhunderten: Berichte, Gedichte und Münzen. Das Material wurde gründlich gesichtet und man kam relativ bald darauf, dass man neben vielem Interessanten auch etwas durchaus wertvolles in den Händen hielt: ein Gedicht von Georg Taust, dem Großvater Georg Friedrich Händels, von 1654 – 1685 Pfarrer an unserer Kirche.

Die Wirren des Krieges führten die Familie Taust aus dem Böhmischen nach Halle, wo Tochter Dorothea von dem Giebichensteiner Amtsarzt Georg Händel 1683 erwählt wurde. Die Trauung fand in der Bartholomäus-Gemeinde statt. Zwei Jahre später wurde Sohn Georg Friedrich geboren. Georg Taust starb 1685, wenige Monate nach Georg Friedrichs Geburt.

interview_alleDas Gedicht ist durch Nässe stark beschädigt, den lesbaren Teilen aber entnimmt man eine zeitgemäße Stellungnahme zum Ausgang des 30jährigen Krieges, dem auch die Turmspitze der Bartholomäus-Gemeinde zum Opfer fiel. Das Gedicht wurde vermutlich 1661 verfasst, da in diesem Jahr die zerschossene Turmspitze erneuert wurde. Das wertvolle Fragment sollte nun nicht wieder in einer neuen Kapsel verschwinden. So bot die Gemeinde es dem Museum des Händelhauses als Dauerleihgabe an. Edwin Werner, Leiter des Händelhauses, zeigte sich bei der feierlichen Übergabe denn auch hocherfreut, künftig ein Originalschriftstück aus Händels Familie ausstellen zu können. Denn Händels persönlicher Nachlass ist komplett in London ausgestellt, in seiner Geburtsstadt findet man keine Zeile aus der Hand des Meisters.

Für Reinhard Rüger war das Fest eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen über die lange Bautätigkeit am Bartholomäusberg. Als Architekt und Denkmalpfleger und gleichzeitig als Vorsitzender des Gemeindekirchenrats organisierte und betreute er über viele Jahre die Arbeiten am Bestand. Dabei beschrieb er selbst dankbar, dass die vielen Fördergelder und Spenden der letzten zehn Jahre die grundhafte Sanierung und Modernisierung der Gebäude erst möglich machte. Der symbolische Abschluss der Bauarbeiten machte es öffentlich nun zu verkünden: nach 30 Jahren Mitarbeit als Gemeindeältester und zwölf aktiven Jahren als Vorsitzender des GKR legte Reinhard Rüger Leitungsaufgaben und Mandat zum Jahresende nieder, um sich nach seinem beruflichen Ruhestand auch hier etwas zurücknehmen zu können. Gleichzeitig bot er aber an, auch weiterhin die Gemeinde in baulichen Dingen zu beraten und zu begleiten.

Als kleines Dankeschön der Gemeinde erhielt der scheidende Vorsitzende statt Blumen einen goldbemalten Hobel und herzlichen Applaus der über 100 Gäste, die nun gespannt auf den noch in Watte gehüllten Turmknopf und die Wetterfahne warteten, die Reinhard Rüger entworfen hatte.

kapselknauf2

Erstmal mussten aber die insgesamt drei neuen Kapseln gefüllt werden. Darin werden spätere Generationen die Abschriften der alten Dokumente finden, außerdem eine Pfarrerliste der letzten 500 Jahre, ein Bericht über die Nutzung des Gemeindehauses, das Gemeindeleitbild, eine aktuelle Phoebe, Zeitungsartikel und zeitgeschichtliche Momentaufnahmen des letzten Jahres.

Nachdem unter Posaunenklängen der Kran zweimal hinaufging, blitzte die neue Turmspitze im hellen Licht der tiefstehenden Sonne. Ein beeindruckendes Bild auch für Regionalfernsehen und die lokale Presse, die umfassend berichteten.

Bürgermeisterin Dagmar Szabados übernahm es im Anschluss dann als Ehrengast, während des Kaffetrinkens im Gemeindesaal, die virtuelle Wetterfahne der Gemeinde im Internet auf den Weg zu schicken. Frank Jokelle hatte in langer Arbeit alles soweit vorbereitet, dass nun ein einziger Tastendruck genügte, um auf der Projektionswand die Übertragung der Daten ins Internet zu verfolgen.

ansnetz1

Frieder Weigmann