Was ist auf dem Bild zu sehen? Was erkennen Sie? Ich sehe ein Schaf mit dem Hintern zur Kamera und ein Huhn quer auf seinem Rücken, hockend, auch nicht in die Richtung der Betrachterin blickend. Das Schaf grast nicht. Es scheint still zu verweilen. Das Schaf steht und das Huhn bewegt sich dementsprechend auch nicht fort. Sie posen nicht für das Photo. Sind einfach da.
Mein erster Gedanke, als ich das Bild sah: Es erinnert mich an die Bremer Stadtmusikanten. Ein bekanntes Märchen, das die Gebrüder Grimm in ihre Märchensammlung aufgenommen haben. Es handelt von den vier Tieren, die altersschwach und scheinbar nutzlos vom Hof gejagt oder getötet werden sollen und dann als musikalisches Quartett eine zweite Karriere in Bremen beginnen wollen. Dort landen sie zwar nicht, aber etwas Besseres als den Tod, haben sie, wie sie es wünschten, trotzdem gefunden.
Gerne hätte ich Ihnen dieses Bild als aktuelle Version der Stadtmusikanten präsentiert. Zumal der besondere Moment gewesen wäre, dass Gerhard Marks, der an der Giebichensteinbrücke über die Saale Kuh und Pferd entworfen hat, auch die Figuren der Märchentiere am Bremer Rathaus gestaltet hat. Doch hier sind nicht nur keine vier, sondern zwei Tiere zu sehen, wenn auch gestapelt. Außerdem kann man höchstens das Huhn als Statthalterin für den Hahn heranziehen, aber ein einzelnes Schaf kann das Fehlen von Esel, Hund und Katze nicht vertreten.
So ist mir diese Interpretation nicht möglich. Sie wären mir in meinen Gedanken nicht gefolgt. Ich mußte umdenken, obwohl es eines meiner Lieblingsmärchen ist, wie man unschwer bemerkt.
Auch ein weiterer Zugang war mir verwehrt. Sind mir die beiden Tiere deshalb bemerkenswert, weil sie eine Geborgenheit verkörpern? Das Huhn, das auf dem warmen Schaffell einen erhöhten Platz findet und sicher ist. Vielleicht geben die beiden einander sogar gegenseitig vor reißenden Tieren Schutz. Auch damit würde ich die Situation sicherlich überinterpretieren.
Ich finde das Paar einfach schön. Wenn ich über die Wiese gegangen wäre und sie so gesehen hätte, hätte auch ich ein Foto von ihnen gemacht. Und nur deshalb wird es hier zum Titelbild.
Doch auf andere Weise hat mich das Bild noch einmal nachdenklich gestimmt. Oft mache ich mir ein Bild von Dingen oder Menschen. Und meine damit erfasst zu haben, was ihr Wesen ist. Ich halte das Bild sogar noch als Vorurteil in mir fest, wenn mich der erste Eindruck getäuscht hat. Lieber passe ich die Situation meinem Bild als mein Bild der Wirklichkeit an. Ich passe das Äußere meinem inneren falschen Eindruck an. Gebe die Dinge nicht frei, sie selbst zu sein.
Huhn auf Schaf: Kein Märchen, kein Idyll, kein Motivbild, dass Löwe und Lamm beziehungsweise Hund und Katz doch in Frieden miteinander leben können. Es ist, was es ist, so weit wir das von hier aus sehen können.
Ralf Döbbeling
