Angedacht: Was fehlt?

Foto: Jörg Lipskoch

Kinder, Großeltern, Freunde, Sportskameraden, Geschwister, sogar die Zahnärztin; alle fehlen. Was uns fehlt ist eigentlich, wer uns fehlt. Menschen fehlen uns. Manche Gemeindeglieder, die sonst sonntäglich in der Kirche sind, habe ich schon wochenlang nicht mehr gesehen. Und ich vermisse sie. Achtung, Gemeinschaft, Gespräche fehlen.

Dabei ist mir die Notwendigkeit der Distanz vollkommen nachvollziehbar. Die jetzige Situation zeigt mir nur, wie wenig selbstverständlich Kontakte sind, wie wertvoll Begegnungen und Berührungen sind, die ich vorher selbstverständlicher genommen habe. Krisen sind schwerer auszuhalten, wenn keiner da ist.

Wenn mich in Zukunft jemand fragt: Was fehlt Dir? Und derjenige meint, ich könnte einen Mangel an Eisen, Bewegung oder Lebensfreude haben, dann werde ich an diese Zeit denken. Was im Frühjahr 2020 fehlte, waren die Menschen. Und auch zukünftig werde ich die Menschen suchen, wenn mir etwas fehlt.

Der Prediger im alten Testament spricht einen klugen Satz: „Zwei sind allemal besser dran als einer allein. Wenn zwei zusammenarbeiten, bringen sie es eher zu etwas. Wenn zwei unterwegs sind und hinfallen, dann helfen sie einander wieder auf die Beine. Aber wer allein geht und hinfällt, ist übel dran, weil niemand ihm aufhelfen kann. Wenn zwei beieinander schlafen, können sie sich gegenseitig wärmen. Aber wie soll einer allein sich warm halten? Ein einzelner Mensch kann leicht überwältigt werden, aber zwei wehren den Überfall ab. Noch besser sind drei; es heißt ja: »Ein Seil aus drei Schnüren reißt nicht so schnell.“ (Prediger 4, 9-12)

Deshalb ist es wichtig, wenn man sich in Neuland bewegt immer zu dritt zu sein, dann kann einer bleiben und einer Hilfe holen, wenn einer sich verletzt. Nur Beziehungen knüpft man nicht erst in Krisenzeiten. So wie man Beten nicht erst in der Not lernt. Damit sollten wir rechtzeitig beginnen und Menschen offen und freundlich begegnen und ihnen auch unsere schwachen Seiten zeigen. Die dritte im Bunde, sozusagen die rote Schnur, kann auch Gott sein, der dem Seil die Reißfestigkeit und wenn nötig auch die wieder anknüpfende Versöhnung ermöglichen kann.

Ich hoffe, dass wir bald wieder unbeschwert Gemeinschaft miteinander haben können. Doch bis dahin gibt es weiterhin unzählige Möglichkeiten, einander Zeichen unserer Freundschaft und Zuneigung zu geben, die nicht abgerissen sind. Nicht alles ist abgesagt. Sonne ist nicht abgesagt. Sommer ist nicht abgesagt. Baden ist möglich und Spielplatz wieder erlaubt. Beziehungen sind eingeschränkt, aber nicht abgesagt und Liebe auch nicht. Telefonieren ist nicht abgesagt ebenso wenig wie Briefe schreiben. Vieles, von dem wir sonst sagen, es fehle uns die Zeit dazu, ist nicht nur nicht abgesagt, sondern jetzt gerade besonders angesagt.

Als Jesus sich zu Himmelfahrt in sein Home Office zurückzog, hat er vorher die Jünger zu den Menschen gesandt: “Gehet hin und erinnert sie daran, dass ich bei euch bin alle Tage!” Wir bleiben in Verbindung!

Ralf Döbbeling

Angedacht: Der Tag, den der Herr macht

Dies sind Tage … für neue Erfahrungen….

Wer hätte beim Gemeindetreff im Februar gedacht, dass wir unsere SeniorInnen so viele Wochen nicht wie gewohnt treffen können? Dies erschien unvorstellbar!

Als die Kontaktbeschränkung verordnet wurde, war es gleich klar: Wir wollen die SeniorInnen unserer Gemeinde begleiten und – vor allem durch regelmäßige Telefonate – Freuden, Sorgen und Nöte mit ihnen teilen, zuhören, beten und geistliche Impulse weitergeben. Dies wurde dankbar angenommen. Manche SeniorInnen waren (und sind) familiär und nachbarschaftlich gut eingebunden, so dass praktische Hilfe kaum nötig war. Aber sie freuten sich über den Austausch und den Kontakt zur Gemeinde. Schön, dass sich einzelne nach dem Wohlergehen unserer älteren Gemeindeglieder erkundigt haben, um durch die Fürbitte ihre Fürsorge zu zeigen. Gemeinschaft ist Geben und Nehmen. So sind wir selbst oft durch die SeniorInnen ermutigt worden.

So kann für manche vielleicht der Tag der Krise zu einem „Tag, den der Herr macht“ werden.

Natürlich werden auch Sorgen und Ängste formuliert: Was ist, wenn ich mich doch anstecke? Sehe ich meine Kinder und Enkel noch einmal? Wann kann und darf ich sie endlich wieder umarmen? Wie kann ich die Zeit in meiner Wohnung allein sinnvoll nutzen? Wie stark baue ich vielleicht körperlich ab, wenn ich nicht draußen spazieren gehen kann? Wie lange müssen wir das so noch aushalten? Das bedeutet, dass wir immer wieder die Situaton erklären, ohne Angst auszulösen, Tipps für die Alltagsgestaltung geben aber auch ermutigen, Hilfe anzunehmen.

Eine Seniorin hatte zwischenzeitlich mit einer defekten Heizung zu kämpfen und somit hatte sie auch kein warmes Wasser. Durch die Corona-Lage kam man nicht so schnell an entsprechende Fachleute. Doch am Morgen des Himmelfahrtstages standen sie wie Engel vor der Tür und konnten den Schaden beheben. Wie schön, dass es Handwerker gibt, die an einem Feiertag vorbeikommen.

In einem kleinen Büchlein von Axel Kühner („Von Herzen Dank“, neukirchener aussaat, 2. Aufl. 2014) erzählt eine ältere Dame eine Geschichte, in der es zum Schluss heißt: „Eines Tages las ich in meiner Bibel das Psalmwort: Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein! Bisher dachte ich immer, das gelte nur für besondere, festliche und glückliche Tage. Doch dann wurde mir klar, dass damit jeder Tag gemeint ist. Warum sollte ich mich vor den Tagen fürchten, die der Herr selber gemacht hat? Jeder Tag zwischen Auferstehung und Wiederkunft Jesu ist ein Tag des Herrn. Ein Tag von Gott, ein Tag mit Gott, ein Tag für Gott und ein Tag zu Gott hin. So bekommen die einzelnen Alltage ihren Wert und ihren Glanz und verlieren ihre Bedrohlichkeit und Sorge.“

Jesus sagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt! (Mt 28,20) In dieser Gewissheit und mit großer Dankbarkeit lassen Sie uns in jeden neuen Tag gehen.

Heidrun v. Orde

Angedacht: Tränen Tag und Nacht

Losungen am Freitag 05.06.2020
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
(Psalm 42,4)
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.
(2. Korinther 12,9)

Alles dreht sich im Kreis. Die eigenen Begabungen scheinen zu verpuffen. Man kommt nicht voran. Die Herausforderungen des Alltages werden immer größer.

Und man bleibt unten, weil die Gesellschaft es so will.
Man bleibt unten, weil man im Alltag gar nicht mehr der Schnelllebigkeit, dem Stress, dem Funktionieren hinterherkommt und ausrangiert wird.
Weil man schwarz ist oder einer bestimmten Kultur angehört oder einem bestimmten Glauben anhängt.
Man bleibt unten, weil man das Pech hat, leider auf dem Teil der Erde zu wohnen, der vom Norden abhängig ist und am meisten die Klimafolgen zu spüren bekommt.
Man bleibt unten.

Die Gründe für Tränen Tag und Nacht sind unterschiedlich.
Immer wieder drängt sich die Frage auf: Wo ist dein Gott?
Und in dieser Frage sind wir ohnmächtig.
Wir wissen nicht, wo er ist.
Und nicht selten zerbrechen Menschen an ihren Verzweiflungen.

Wo ist dein Gott?

Diese Frage muss ausgehalten werden.
Diese Ohnmacht muss ausgehalten werden.

Aber sie darf nicht zum Abgrund führen, in den wir alle hineinfallen und das Leben als beendet und als gescheitert gilt. Darauf hoffe ich.

Was bleibt, ist nichts weiter als Hoffnung.
Ich hoffe auf die Zusage dessen, der uns begleitet.
Ich hoffe, dass er mitten im Tal des Jammers, des Kummers und der Schreie da ist, dass er mein Leben, dass er unser Leben in Ewigkeit zur Vollendung führt und immer wieder Befreiung im Hier und Jetzt bewirkt.
Ich hoffe auf die Bewegung, die von ihm ausgeht,
die Menschen nicht loslässt,
die Menschen Lebensfülle schenkt, sie aufstehen lässt,
sodass sie für diese Welt mitschreien, mitkämpfen und auf heilsame Veränderungen drängen.
Ich hoffe auf das Licht, das die Dunkelheit durchbricht, sodass wir immer wieder aufstehen und uns für Befreiung in allen Dimensionen in dieser Welt einsetzen.

Tobias Foss

Diese Gedanken zur Tageslosung wurde zuerst im digitalen Gemeinde-Raum auf Slack veröffentlicht. Dort finden sich noch viele weitere geistliche Impulse.

Angedacht: Eine Taube macht noch kein Pfingstfest

Helga Paris hat ihre Tochter in Halle besucht, als diese an der Burg studierte. Natürlich hatte sie ihre Kamera dabei. Zur Fotographie ist die Autodidaktin durch Familienfotos gekommen. So entstanden von Halle neben den Bildern, die die Stadt wie ein Häusergebiss mit lauter ausgefallenen und maroden Zähnen zeigen, auch ganz privat anmutende Schwarzweißfotos, die in dem Bildband “Diva in Grau” zu sehen sind.

Schwarzweiß Fotos oder die Diva in Grau. Sie bemerken den Unterschied? Es gibt in Halle weder reines Schwarz noch reines Weiß, aber es gibt Menschen, die entweder nur das eine oder das andere sehen wollen. Schwarz oder weiß betonen. Das ist das sogenannte Schwarzweißdenken. Doch zum Glück gibt es viel mehr von denen, die die Mischtöne sehen. Und nicht nur in mausgrau, staubgrau, aschgrau, … Und ich denke, genauso muss es in der Atmosphäre einer Gesellschaft und in der Haltung eines Menschen sein. Niemand ist komplett verdorben oder heilig, sondern wir sind alle dazwischen. Und es gibt ständig Besserung und Abstieg.

Zu Pfingsten feiern die Christen die Ausgießung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist der von Jesus zugesagte Beistand, wenn er selber zu seinem Vater zurückkehrt. Die Menschen sollen die Welt nie wieder ohne Gott sehen müssen. Gott ist da. So wie die eine Taube in der Straße, die die Existenz von Vögeln in einer scheinbar naturbereinigten, tristen Stadt belegt. So belegt die eine vom heiligen Geist bewegte Person die Anwesenheit Gottes in der Welt. Gott ist da, auch wenn viele schwarzsehen. Es gibt Hoffnung.

Es gibt einen Satz im Johannesevangelium, der auch oft populär zitiert wird. “Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.” Er ist nicht ausrechenbar. Der Geist? Nein, der Mensch. Nicht das Wehen des Geistes ist unbestimmt, sondern die Motivation eines vom Geist bewegten Menschen ist nicht jedem offensichtlich. Denn die Tat kommt aus Gott.

So ist es menschenmöglich mehr Farbe ins Schwarzweiß und ins Grau einer Stadt zu bringen. Es braucht nur die Windkraft aus Gott. Im Evangelium des Johannes nennt sich das Wiedergeburt. Von neuem geboren werden, sodass andere zwar nicht immer erkennen, woher der Wind weht, aber jeder versteht, dass es einen Unterschied macht, vom Geist bewegt zu werden. Besser zu segnen als zu lästern, besser die andere Wange auch noch hinzuhalten statt Gewalt eskalieren zu lassen und auch Hoffnung und Humor zu bewahren und Gerücht und Verschwörung totzuschweigen.

Ich danke allen, die in der vergangenen Wochen selbst dann weitergeholfen haben und nüchtern und mutig geblieben sind, als es wegen des Corona-Virus düster aussah. Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer, aber der Wind des Geistes bewegt uns in die richtige Richtung.

Ihr Ralf Döbbeling

Angedacht: Ein Fingerzeig Gottes

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“ (EG Bayern/Thüringen 659)

Ihr Lieben,
in unserem Garten bestaune ich gerade die ersten sich öffnenden Blütenknospen an unserem Mandelbäumchen. Herrlich, so fein und zierlich und in kräftigem Rosa – nicht zu übersehen. Für mich ist das ein Fingerzeig Gottes für seine unermüdliche Liebe zu dieser Welt und uns Menschen. Damit schenkt er uns Hoffnung, Freude pur, Liebe und Zuversicht, und in mir löst es tiefe Dankbarkeit unserem Schöpfer gegenüber aus.

In den momentan schwierigen, angstvollen und unsicheren Zeiten, die durch das Corona-Virus ausgelöst wurden, ist so eine kleine Mandelblüte für mich ein Fingerzeig Gottes, ihm allein zu vertrauen. In allen Zeiten gab es schon Epidemien (Cholera, Typhus, Pest). Martin Luther pflanzte trotzdem sein Apfelbäumchen. Ich verstehe die Angst um schwangere Frauen, Babys und Kleinkinder, alte Menschen, chronisch und schwer erkrankte Freunde und Verwandte. Aber Angst lähmt. Gebet jedoch und Vertrauen in Gott, unseren Herrn, und Jesus Christus, seinen Sohn, stärkt uns in der Krisenzeit.

Hiermit ermutige ich euch alle zur vertrauensvollen Hingabe im Gebet an den, der alles geschaffen hat und in seiner gütigen Hand hält; an Gott, der denen, die ihn lieben und vertrauen, alle Dinge zum Guten wenden wird. Diese Erfahrung durfte ich selbst bereits machen und deshalb: Habt Mut und betet!

In diesem Vertrauen auf Gott, den Hüter des Lebens, grüßt euch

Steffi Seiferlin