Angedacht: Ein Fingerzeig Gottes

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“ (EG Bayern/Thüringen 659)

Ihr Lieben,
in unserem Garten bestaune ich gerade die ersten sich öffnenden Blütenknospen an unserem Mandelbäumchen. Herrlich, so fein und zierlich und in kräftigem Rosa – nicht zu übersehen. Für mich ist das ein Fingerzeig Gottes für seine unermüdliche Liebe zu dieser Welt und uns Menschen. Damit schenkt er uns Hoffnung, Freude pur, Liebe und Zuversicht, und in mir löst es tiefe Dankbarkeit unserem Schöpfer gegenüber aus.

In den momentan schwierigen, angstvollen und unsicheren Zeiten, die durch das Corona-Virus ausgelöst wurden, ist so eine kleine Mandelblüte für mich ein Fingerzeig Gottes, ihm allein zu vertrauen. In allen Zeiten gab es schon Epidemien (Cholera, Typhus, Pest). Martin Luther pflanzte trotzdem sein Apfelbäumchen. Ich verstehe die Angst um schwangere Frauen, Babys und Kleinkinder, alte Menschen, chronisch und schwer erkrankte Freunde und Verwandte. Aber Angst lähmt. Gebet jedoch und Vertrauen in Gott, unseren Herrn, und Jesus Christus, seinen Sohn, stärkt uns in der Krisenzeit.

Hiermit ermutige ich euch alle zur vertrauensvollen Hingabe im Gebet an den, der alles geschaffen hat und in seiner gütigen Hand hält; an Gott, der denen, die ihn lieben und vertrauen, alle Dinge zum Guten wenden wird. Diese Erfahrung durfte ich selbst bereits machen und deshalb: Habt Mut und betet!

In diesem Vertrauen auf Gott, den Hüter des Lebens, grüßt euch

Steffi Seiferlin

Angedacht: Zweifellos?

Foto: Jörg Lipskoch

Ein klarer Morgen im Januar. Die Wintersonne quält sich mühsam durch den morgendlichen Nebel über der Peißnitz und der Ziegelwiese. Auf dem Teich, aus dem im Sommer die Fontäne in den Himmel schießt, hat sich seit einigen Tagen eine Eisschicht gebildet. Sie treten an das Ufer heran: Ob das Eis trägt? Stabil sieht es ja schon aus. Ein paar Steine liegen auf der Eisfläche. Leute haben offenbar erfolglos versucht es einzuwerfen. Sind die Schollen auf der Oberfläche Splitter aus dem Teich oder haben Kinder sie aus den Pfützen gebrochen und aufs Eis geschmissen? Dort sind Kufenspuren zu sehen! Da scheint schon jemand auf dem Eis gewesen zu sein. Aber vielleicht war es nur ein leichter Mensch. Trägt das Eis auch mein Körpergewicht? Sie wagen den ersten kleinen Schritt. Hier am Rand wird es schon gehen und zur Not kann ich mich schnell retten. Das Eis hält. Sie wagen sich weiter hinaus. Schwankt da etwas? Und dieses Knacken, während Sie über das Eis schlittern, das klingt schon etwas bedrohlich. Doch mit jedem Schritt wächst das Vertrauen, das Eis ist dick genug. Am gegenüberliegenden Ufer traut sich bereits eine zweite Person auf den zugefrorenen Teich.

Die Familie pflegt den Jungen schon lange Jahre. Alles haben sie probiert. Jeden Arzt und jeden Quacksalber im Land aufgesucht, doch die Anfälle sind geblieben. Ein böser Geist ist in ihr Kind gefahren, sagen die Leute, da kann nur noch Gott helfen. Eine letzte Hoffnung bleibt: Seit einiger Zeit zieht ein Mann durchs Land. Jesus von Nazareth heißt er. Ihm eilt der Ruf voraus, ein Heiler von Gottes Gnaden zu sein. Mancher fragt sich gar: Ist er der Messias? Heute wurden seine Jünger im Dorf gesichtet. Der Vater fasst sich ein Herz und nimmt seinen Sohn bei der Hand. Auf dem Dorfplatz hat sich bereits eine Menge versammelt. Die Jünger können ihm nicht helfen. Der Geist scheint zu stark. Doch da kommt Jesus mit einer weiteren Gruppe heran. Jetzt oder nie. Dieser Mann ist seine letzte Hoffnung. Der Vater fleht Jesus an zu helfen. Als der sich seinen Sohn besieht, überfällt den Jungen ein erneuter Anfall. Verkrampft zitternd liegt er am Boden. „Jesus, wenn du kannst, so tu doch etwas!“ Doch der macht keine Anstalten zu helfen, meint stattdessen: „Alles ist möglich dem, der da glaubt.“ Da hält es der Vater nicht länger aus und schreit Jesus an: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“

Die Eisdecke hält, auch mit zwei Menschen auf dem Teich. Doch was, wenn noch mehr kommen? Wird es reichen?

Der Junge ist geheilt. Der Anfall ist verklungen und Jesus richtet ihn aus dem Schlaf auf. Von jetzt an wird alles gut. Aber hält dieser Zustand an, oder kommt die Krankheit doch zurück?

Dass wir zweifeln, ob auf dem Eis oder Gott gegenüber, ist Teil unseres Lebens. In der Natur erweist es sich manchmal gar als nützlicher Instinkt. In unserer Beziehung zu Gott sind uns unsere Zweifel mal im Weg, mal führen sie uns in ein noch intensiveres Nachdenken und Gespräch mit ihm.

Ich wünsche uns einen produktiven Umgang mit unseren Zweifeln und ein hoffnungsvolles neues Jahr.

Ihr
Jakob Haferland

Angedacht: Erschienen ist mir – Gedicht zu Offenbarung 1,9-18

Erschienen ist mir,
schreib und sprich,
erschienen ist mir,
so schreibe und spreche ich,
zu den Sieben,
erschienen ist mir,
zu den Sieben
und allen anderen,
sieben als Vollzahl,
erschienen ist und spricht selbst,
ohne gleichen,
ist er,
ich bin es,
spricht er,
ohne gleichen,
einem Menschensohn gleich.

Hört und seht
wie er gleich einem Menschensohn,
so göttlich sein Glanz, sein Licht,
die Sonne, gülden, weiß wie Schnee,
er wie Gott,
gegürtet, geerdet, bis zu den Sternen,
hört und seht
das Brausen, wie Flügel, wie Wassermassen,
Stimme der Klarheit, ein Ton, ein Signal,
hört und seht
die feurigen Augen:
verzehrendes Feuer?
Liebesflammen?
Hört und seht
das Schwert, das Wort Gottes,
er selbst ohne gleichen.

Ich bin es,
spricht er,
der Erste und der Letzte,
ich mitten unter euch,
der Lebendige in eurer Mitte,
mitten unter euch Sieben,
der Lebendige unter euch allen.
Siehe, ich bin lebendig.
Hört und seht:
ihr seid lebendig,
lebendig wie ich,
ohne gleichen.

Dorothea Vogel

Angedacht: Fürchte dich nicht – Gott ist nah

Weihnachten steht vor der Tür. Das ist nicht zu übersehen und zu überhören. Alles wird hergerichtet, dekoriert und schön gemacht. Lichter leuchten überall, was besonders in der dunklen Jahreszeit sehr schön aussieht. Von vielen höre ich, dass sie sich auf Weihnachten freuen: Familie treffen, endlich frei haben, nicht arbeiten müssen, nicht zur Schule oder zu Uni müssen. Ich merke, diese Erzählungen sind mit Erwartungen an besinnliche Tage und harmonisches Miteinander in Unbeschwertheit geknüpft – auch in meinen Gedanken.

Und doch gerade in den letzten Monaten haben mich Botschaften erreicht, die mich erschütterten. Ein guter Freund erleidet, fern von seiner Heimat in den USA, einen Schlaganfall als er hier ganz in unserer Nähe dienstlich unterwegs war. Ein Verwandter erkrankt an Krebs. Die Mutter einer Kollegin, eine Frau in meinem Alter, stirbt ganz unerwartet.

Das steht im krassen Gegensatz zu dem Lichterglanz überall und führt mir vor Augen, wie verletzlich ich bin. Es macht mir deutlich, dass beste Ausgangsituationen, Planung oder rechtzeitige Vorbereitungen keine Garantie für was auch immer bedeuten. Woher nehme ich meine Sicherheit? Ich bin eine, die Sicherheit braucht, sucht, sich wünscht bzw. sich danach sehnt. Kann ich das alles ausblenden nur weil Weihnachten ist?

Die Verse 57-59 aus Klagelieder 3 berühren mich in dieser Verletzlichkeit besonders. Denn der Beter da klagt: „Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief und sprachst: Fürchte dich nicht! Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben. Du siehst, Herr, wie mir Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht.“

Das war zur Zeit des Alten Testaments nach der Zerstörung Jerusalems. Aber wie kann ich das heute sehen und was hat das mit Weihnachten zu tun?

An Weihnachten denken wir daran, dass Gott Mensch wurde. Er kommt uns nahe, indem er wurde wie wir. Er kann sehr wohl nachempfinden, was ich fühle und erfahre. Jesus war so ganz richtig Mensch. Und nachdem er gestorben und auferstanden war, versprach er: „Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das gilt auch mir. Weihnachten ist so etwas wie eine jährliche Erinnerung, dass Gott sich mir naht, bei mir ist und ich mich deshalb nicht zu fürchten brauchen.

Wenn mich irgendetwas nach unten ziehen möchte, so wünsche ich mir, dass ich daran denken, wie der Beter der Klagelieder damals, zu rufen: „Ich rief aber deinen Namen an, Herr, unten aus der Grube,“ und wie eben dieser Beter zu erfahren: „und du erhörtest meine Stimme … Du nahtest dich zu mir als ich dich anrief und sprachst: fürchte dich nicht!“ Unabhängig von meiner Situation darf ich mich freuen und – wie wir auch schon in der Predigt zum 2. Advent ermutigt wurden – „mein Haupt heben“, weil Gott mir nahe gekommen ist, meine Sache sieht und sich ihrer annimmt.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein besonderes Weihnachtsfest: Wir dürfen uns gemeinsam freuen.

Sigi

Angedacht: Warten ist eine Bank

Der Advent ist die Zeit im Kirchenjahr, die in der Suche nach dem Grund unserer Fragen tiefer führt, uns zum Grund unserer Hoffnung leitet. Zu der Aussicht, dass Gott kommen wird, um den Menschen zu begegnen und sie zu erlösen. Der Advent erinnert an das Versprechen, dass Gott jetzt und überall bei uns ist. Der aber auch die Spannung erzeugt, zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir hoffen. Denn Bilder von Brandstiftung, unerwartet nahem Terror und der Vereinsamung in der Gesellschaft sind stark. Sie nagen an unserer Zuversicht. Manchem fressen sie die Kraft direkt aus der Seele.

Wir erleben den Advent als Zeit der Vorbereitung. Ein großes Fest erwartet uns und wird für die Lieben vorbereitet. Der Advent wird aber nichtsdestoweniger genau deshalb als eine kritische Zeit erlebt. Auf der einen Seite warten Christen ständig auf Zeichen Gottes. Warten ist jedoch ein riskantes Unterfangen. Leicht fangen wir an zu glauben, dass wir uns irren. Zweifeln, dass Gott kommen wird.

Wenn wir auf etwas warten – eine Tram, den Brief eines Freundes – warten wir erwartungsvoll. Wir leben in der Schwebe. Sind noch nicht im Land der Erfüllung gelandet. Unserer Hoffnung kann etwas zustoßen. Minuten, Stunden, Tage vergehen. Manchmal sogar noch mehr Zeit. Und es wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher, dass noch etwas eintritt und die Erfüllung kommt.

Wann setzt sich der Freund neben das Mädchen? Hat er vielleicht geschrieben, dass er sich verspätet, weil er die Tram verpasst hat? Ist er am falschen Ort? Hat sie die Zeit falsch verstanden? Wo bleibt er nur?

Eine Hoffnung darf nicht immer Hoffnung bleiben. Eine Hoffnung ist nur Wert der Hoffnung, wenn sie eintritt. Was aber, wenn aber das erhoffte Ergebnis nicht eintritt? Der Freund das Mädchen versetzt. Sich windet, er habe in der Aufregung den falschen Bus genommen. Könnte zumindest sein, wie unwahrscheinlich es auch ist.

Es kann sein, dass die Erfüllung anders aussieht als die Aussicht darauf. So wie Erwartungen nicht mit dem erfüllt werden, was wir wünschen, sondern was wir brauchen. In der Weihnachtsgeschichte ist es ja auch so, dass man den Verdacht behält, Gott habe den falschen Bus genommen und sei verfrüht in Bethlehem ausgestiegen, wo die Häuser dunkel sind, am Rande der Welt, bevor er noch in der glänzenden Metropole Jerusalem angekommen ist. Wir versuchen ihn wieder zurückzulotsen und schwärmen vom süßen Jesuskind. Doch Fakt ist, dass Gott sich nicht im Schein seiner Heiligkeit sonnt, sondern die (gott-)verlassenen Orte zum Glänzen bringt.

Wird Gott jemals auftauchen? Wie konnte Gott uns vergessen? Wir warten ungeduldig. Die Erwartungen gehen schwanger mit neuen Möglichkeiten. Die Geschichte von Gott und den Menschen liest sich wie eine fortgesetzte Geschichte von Enttäuschungen, die beim Lesen gerade deshalb glücklich macht.

Ralf Döbbeling

Angedacht: Morgenglanz der Ewigkeit

Immer, wenn das Lied „Morgenglanz der Ewigkeit“, meist am Ewigkeitssonntag, im Gottesdienst gesungen wird, freue ich mich auf eine ganz besondere Weise und denke an meine Großmutter. Warum dies so ist, beschreibe ich im nachfolgendemText. Dieser ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, den ich im Sommer 2018 für eine kleine Ausstellung der Künstlerin Luzia Werner zum Thema Leben und Sterben im Bernburger Schloss geschrieben habe. Sie hatte dazu eingeladen, persönliche Erfahrungen zum Thema Tod und Sterben aufzuschreiben für ein Begleitbuch zur Ausstellung. Da ist mir doch gleich etwas eingefallen…

„Ich freu‘ mich, dass ich bald nach Hause komme…“

Dieser Satz meiner Großmutter hat sich mir tief eingeprägt. Ich war 16 Jahre alt, als ich sie zusammen mit meiner Familie zum Sterben begleitet habe. Ich war in der 10. Klasse und hatte im Juni keine Schule mehr. Deshalb hatte ich besonders viel Zeit für Großmuttchen, wie sie von uns allen genannt wurde. Sie ist 89 Jahre alt geworden und hat die letzten Jahre ihres Lebens in unserer großen Familie verbracht, einer Pfarrersfamilie mit acht Kindern. Unsere Mutter war die Jüngste von fünf Geschwistern, es gab noch eine ältere Schwester, die anderen drei Kinder sind sehr früh
aus dem Leben gegangen, auch ihren Mann hat sie 1945 unter sehr schweren Umständen in Landsberg an der Warte (jetzt Polen) bis zum Tod begleitet. Diese leidvollen Erfahrungen haben meine Großmutter sehr geprägt, aber sie hat sich nicht verbittern lassen, sondern das Gegenteil war der Fall. Sie lebte mit einem tiefen Glauben und strahlte eine zugewandte Liebe aus. Dies ist mir nach ihrem Tod erst wirklich bewusst geworden. Da habe ich auch ihre Gedichte entdeckt, die in beeindruckender Weise davon zeugen.

Unsere Großmutter hatte nur ein kurzes Krankenlager. Ich bin sehr dankbar, dass mir die Zeit geschenkt wurde, sie im Juni 1971 in ihren zwei letzten Lebenswochen zu begleiten. Sie bat mich immer wieder, ihr aus der Bibel vor zu lesen, Jesaja 53 war ihre Lieblingsstelle. „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und nahm auf sich unsere Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“. Und dann sagte sie manchmal ganz unvermittelt diesen Satz: „Ich freu‘ mich, dass ich bald nach Hause komme…“ Sie wusste, dass sie bald sterben würde, aber sie hatte keine Angst davor, ein großer Frieden ging von ihr aus. Ich habe auch das Abendmahl miterlebt, das meine Eltern mit ihr feierten. In einer Nacht kurz vor ihrem Tod war sie sehr unruhig, auch das habe ich mitbekommen, weil ich im Nebenzimmer schlief. Aber danach ging wieder dieser Frieden von ihr aus. Und dann sagte sie einen Satz, den ich auch nie vergessen werde: „Wenn ich meine Augen zugemacht habe, singt bitte ,Morgenglanz der Ewigkeit‘- dann singe ich aus der anderen Welt mit.“ Kurze Zeit danach, am Nachmittag des 19. Juni 1971, habe ich gemerkt, dass sie nicht mehr atmet. Da hat sich die Familie an ihrem Bett versammelt und „Morgenglanz der Ewigkeit“ gesungen, so, wie sie es sich gewünscht hatte.

Dies war für mich eine tiefe und bleibende Erfahrung und hat meine Beziehung zum Sterben und zum Tod geprägt. Ich glaube daran, dass der Tod „nur“ ein Übergang in die unsichtbare Welt Gottes ist, die wir mit unserem Verstand nicht begreifen können. Das Buch von Jörk Zink „Am Ende ein gehen ins Licht“ hat diesen Glauben in mir gestärkt, auch dafür bin ich sehr dankbar.

Christine Rehahn