Angedacht: Gute Aussichten

Foto: Johanna Olm

Runter vom Sofa und hinein in die Welt. Sich herumtreiben und erkunden, wie weit der Horizont noch entfernt ist. Viele von uns haben jetzt das Bedürfnis, so weit zu laufen, wie es nur irgend geht. Die Enge zu verlassen, viel draußen zu sein und Menschen zu treffen. Es fühlt sich frisch an, wie eine neue Freiheit. Heiß ersehnt. Kollektiv haben wir eine Erfahrung gemacht, die uns unerwartet mit Menschen über Länder und Kontinente, über Milieus und Schichten hinweg verbunden hat, auch wenn die Schwierigkeiten ungleich verteilt waren.

Und das Bedürfnis ist nun, die Weite zu genießen. Die Schwere, das Leid, die Angst zu vergessen und in Richtung der guten Aussichten zu streben. Weit, weit weg von all dem Dunklen in ein neues Licht. Zum Glück wird es Sommer. Zum Glück haben die Cafés und Biergärten wieder geöffnet. Zum Glück könnten wir verreisen. Nur der Horizont scheint die Grenzlinie zu sein und die verrückt sich ja stetig, wie wir alle wissen, abhängig davon, wo unser Standpunkt ist. Es sind gute Aussichten, dass wir unsere Horizonte erweitern können und vielleicht wollen wir jetzt auch gar nicht mehr dahin zurück, von wo alles im vergangenen Jahr losgegangen ist, bevor das alles über uns kam. Nicht nur Horizonte verschieben sich, sondern auch unser Standpunkt hat sich verändert. Wir wollen nicht voraus in die Vergangenheit ante Coronam.

Und doch ahnen wir, dass uns mit dem mitwandernden Horizont trotzdem eine Bestimmung begleitet. Wie ein Schatten. Wir sind Menschen. Begabt, begrenzt, gefährdet. Aufeinander angewiesen. Bedürftig nach Essen, Trinken, Schutz, Liebe, Vergebung. Und vielleicht hat sich unser Horizont
dahingehend geweitet, dass wir das Einengende nicht mehr ausgrenzen müssen. Wir wissen schmerzlich, wie verletzlich das Leben ist und wie sehr wir auf der Welt mit anderen verbunden sind.

Das Bild von Johanna Olm zeigt nicht irgendein Sofa auf irgendeiner Wiese, sondern im Oderbruch, an einem Grenzfluss. Auch unsere neue Freiheit wird an Grenzen stoßen. Wir brauchen Toleranz
und tragen Verantwortung. Wir schauen hinüber und beginnen, mit anderen zu fühlen. Sie sind uns ähnlicher als wir vielleicht dachten. Wir möchten mit ihnen das neu empfangene Geschenk des Lebens teilen. Gute Aussichten menschlicher zu werden.

Pfarrer Ralf Döbbeling

Angedacht: Mit kleinen Schritten zum großen Ziel

Diese Predigt zu Mt 28, 16-20 hat Dorothea Vogel am vergangenen 6. Sonntag nach Trinitatis in der Gemeinde in Ilsenburg (Harz) gehalten. Dorothea ist angehende Prädikantin und hat diese Predigt im Rahmen des Aufbaukurses erarbeitet. Den Text stellt sie freundlicherweise als geistlichen Impuls für unsere Website zur Verfügung. Vielen Dank!

Liebe Gemeinde,
ich möchte heute gemeinsam mit Ihnen eine gedankliche Gebirgstour machen. Es geht durch verschiedene Gegenden mit kleinen und großen Bergen und durch verschiedene Zeiten.

Unser Weg beginnt in Halle, wo ich wohne. Eigentlich gibt es dort keine richtigen Berge. Und doch ist Halle hügeliger, als viele denken. Die Saale schlängelt sich nach jahrtausende langer Arbeit
durch das rötliche Porphyrgestein. Der sog. Galgenberg gehört zum Naturpark „Unteres Saaletal“. Dort gibt es typischen Trockenrasen und nur wenige Bäume und Sträucher.

Ganz anders hier rund um Ilsenburg mit seinen Mischwäldern im Nationalpark „Harz“. Der Buchberg und der Ilsestein sind beliebte Wanderziele ganz in der Nähe. Im Harz unterwegs zu sein,
ist immer wieder schön.

Auch in Galiläa gibt es Berge. Einige liegen zwischen rund 600 bis 1200 m über dem Meeresspielgel. Aufgrund von Regenreichtum sind sie üppiger bewachsen als andere Landesteile. Der Berg Meron gehört aufgrund seines Artenreichtums zu einem Naturschutzgebiet. Auf solch einen Berg bestellt Jesus seine Jünger. Und sie machen sich auf den Weg, um ihn dort zu treffen.

„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg,
wohin Jesus sie beschieden hatte.
Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder;
einige aber zweifelten.
Und Jesus trat herzu [und] redete mit ihnen […].“

Der erste Schritt ist getan, indem die Jünger zum Berg gegangen sind. Und Jesus macht einen Schritt auf seine Jünger zu und spricht sie an. Dann geht er einen Schritt weiter. Denn jetzt sollen seine Jünger gehen. „Gehet hin“ ist die erste Aufforderung an sie. Er sendet sie. Er ist der Absender. Und die Völker sind die Adressaten. „[U]nd lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Das ist die zweite Aufforderung. „Geht, um zu lehren!“ Die Sendung beinhaltet einen Lehrbefehl. Die Jünger sollen lehren. Sie sollen lehren, was sie selbst gelernt haben.

Ich denke dabei an die Bergpredigt bzw. Berglehre. An diesem Berg in Galiläa erinnert Jesus die Jünger an einen anderen Berg. Auf diesem hören sie einen Auftrag. Auf jenem hörten sie seine
Rede. Das Kernstück war das Vaterunser. Es ging um das Almosengeben und um das Fasten. In der „goldenen Regel“ gab Jesus ihnen einen Maßstab für das tägliche Leben mit. Sie lautet:
„Alles nun, war ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“

Die Seligpreisungen ermutigten viele; auch Zweifler. Und selig wird auch, wer seinen Glauben wie ein Haus auf festen Grund baut. An all dies erinnert dieser Berg. All dies sollen die Jünger lehren. All dies sollen die Völker hören. Und wer hört und glaubt, soll getauft werden. „Taufet sie“ ist die dritte Aufforderung. „Lehret und taufet!“ oder „Taufet und lehret!“ Wie herum auch immer. Beides gehört zusammen. Taufunterricht und Erwachsenentaufe gehören genauso zusammen wie Kindertaufe und Christenlehre.

Hier am Ende des Matthäus-Evangeliums verweist Jesus mit dem Befehl an diesem Berg auf die Lehre an jenem Berg. Und er verweist auf weitere Berge.

Ich denke an den Berg der Versuchung am Anfang des Evangeliums. Für mich ist das eine Mahnung, dass die Jünger auch bei ihrer Sendung Versuchungen ausgesetzt sein werden. Und ich denke an den Berg der Verklärung in der Mitte. Für mich ist das die starke, bildliche Zusage der Nähe Gottes. Die Jünger werden bei ihrer Sendung auch die überraschende Nähe Gottes erleben.
– Und diese Zusage wird hier dreifach deutlich.

1. „Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Die Taufe setzt in Beziehung. Durch die Taufe wird eine Beziehung hergestellt. Die Menschen aus allen Völkern
werden in ihrer Taufe auf Jesus bezogen. Auch wir. Jesus sendet die Jünger. Die Jünger gehen und lehren; und taufen gegebenenfalls. Und die Getauften glauben an Jesus.

Ich selbst wurde als Kleinkind getauft. Meine Eltern wählten für mich einen Taufspruch aus Psalm 121: „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß
nicht gleiten lassen und der dich behütet, schläft nicht.“ Diese beiden Verse begleiten mich schon fast mein gesamtes Leben. Und in Situationen, in denen ich dringend Hilfe benötige, mich mutlos
und verzagt fühle oder zweifle, bete ich meinen Taufspruch. Bereits diese Handlung hebt mich aus der Begrenztheit heraus.

Und so beschreibt es auch der Psalmist zu Beginn: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“ Und er fragt: „Woher kommt mir Hilfe?“ Er hebt seine Augen nach oben. Vielleicht zu den Bergen seiner
Heimat – in Gedanken wohl beim Berg Zion. Denn auf dem Berg Zion in Jerusalem lässt Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, seinen Namen wohnen. Die Frage „Woher kommt mir Hilfe?“ ist
also schon eng verknüpft mit der Antwort. „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Und so erlebe ich es auch. Ich hebe meine Augen nach oben, schaue gen
Himmel und weiß, Gottes Hilfe wird mir nahe kommen. Mein Taufspruch erinnert mich an diese Zusage.

2. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Seine Gewalt, seine Vollmacht ist Jesus gegeben worden. Sie ist ihm von Gott gegeben worden. Die Vollmacht ist eine göttliche Gabe. Der
Berg in Galiläa ist der Ort der Über-Gabe dieser Vollmacht an die Jünger. Mit jedem „wie im Himmel so auf Erden“ im Vaterunsergebet wiederholen wir nicht nur das Kernstück der Bergpredigt, sondern auch Jesu Selbstzeugnis. Wir bekennen seine Vollmacht im Himmel und auf Erden. Und dass sie uns gilt!

3. „Ich bin bei euch alle Tage.“ Bei ICH BIN denke ich an einen weiteren Berg. ICH BIN – mit diesem Namen stellt sich Gott selbst Mose am Berg Horeb vor. Und Gottes ICH BIN ist DIE Zusage überhaupt!
Es heißt soviel wie: Ich bin für dich da. Ich helfe dir. Ich gehe mit dir. Dieses ICH BIN klingt hier an. „ICH BIN bei euch alle Tage.“ Nicht nur heute oder morgen, sondern alle Tage. Im Alltag und am Sonntag. Jeden Tag.

Das heißt, weil auch wir getauft sind auf den Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sind wir in Beziehung gesetzt. Zu Gott und zueinander! Und diese Beziehung gilt zeitlich auf dieser Erde. In der Woche und am Wochenende. In meinem Leben und an meinem Lebensende. In dieser Welt und bis ans Ende der Welt. Oder anders ausgedrückt: Durch unsere Taufbeziehung gehen wir auf unser Lebensziel zu. – Und diese Beziehung gilt ewig. Wir nennen es Himmel.

Liebe Gemeinde,
es sind die kleinen Schritte, die wir in unserem Leben gehen. Mit unseren kleinen Schritten nähern wir uns dem großen Ziel. So wie wir heute auf verschiedenen Wegen hierher gekommen sind, so
werden wir nachher auf unterschiedlichen Wegen weitergehen. Die Sendung steht am Ende des Gottesdienstes. Wir werden in die Weite gehen und gehen diesen Weg als Gesandte der Zusage Jesu.
In unsere Familien hinein oder an unsere Arbeitsplätze; in unsere Freundeskreise oder in spontane Begegnungen. Vielleicht gehen wir auch in der Nähe zu einer Nachbarin, besuchen jemanden zumMittagessen oder sind zum Sonntagskaffee eingeladen.

Bei unserer Taufe wurde dieser Predigttext gelesen. – Auch uns gilt der Aufruf: „Gehet hin und lehret!“ Das ist das Priestertum aller Getauften.Wir sind unterwegs als Getaufte und als Gesandte.
Für uns aus dem Prädikantenkurs wird dieser Text auch bei der Einführung bzw. ehrenamtlichen Ordination zum Dienst der öffentlichen Verkündigung gelesen. Wir werden beauftragt den dreieinigen Gott öffentlich zu verkündigen. Wir Prädikantinnen und Prädikanten werden gesandt zu den Bergen zwischen dem westlichen Thüringen und dem südlichen Brandenburg, von der Altmark bis
zum Altenburger Land.

Wir werden von der Kirche gesandt, um alles zu lehren und zu predigen. Und nach der ehrenamtlichen Ordination, um zu taufen und das Abendmahl einzusetzen. Wir gehen nicht nur zu den Bergen. Wir machen uns auch auf den Weg in die Täler und Ebenen; in die Dorfkirchen und Stadtgemeinden. Schritt für Schritt.

Angedacht: Gemeinschaft mit Jesus Christus

Diese Predigt zu Joh 21,1-14 hat Dorothea Vogel am vergangenen Sonntag Quasimodogeniti in Niemberg gehalten und stellt sie freundlicherweise als geistlichen Impuls für unsere Website zur Verfügung. Vielen Dank!

Liebe Gemeinde,
mit beklommenem Herzen stehe ich heute Morgen hier vor Ihnen. Denn es ist die erste Predigt, die ich seit Januar halte. Vielleicht sitzen auch Sie mit beklommenen Herzen hier?↓ Fragen sich, ob es richtig war, hierherzukommen?↓ Manche von Ihnen haben sich lange nicht gesehen. Und wenn doch, so ist es noch ungewohnt, wieder hier zum Gottesdienst zusammenzukommen. Ein mulmiges Gefühl ist mit dabei.
So ähnlich werden sich auch die Jünger gefühlt haben, von denen der Predigttext berichtet. Die Jünger fühlen sich beklommen und niedergeschlagen. Sie sind verunsichert. Ihr Leben ohne Jesus fühlt sich so leer an. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Also tun sie das Naheliegende. Sie gehen fischen.
Doch wenn ich nur so irgendetwas tue, dann bringt das nichts. Ich kenne diese Erfahrung und Sie vielleicht auch. Etwas zu tun, scheint besser zu sein, als nichts zu tun. Aber es bringt nichts. Nicht nur keinen Erfolg, sondern auch keine Linderung der inneren Situation. Wo es leer ist, bleibt es leer.
So wie das Netz der Jünger.
„Und in dieser Nacht fingen sie nichts.“ (V. 3)
Das Netz bleibt leer. Und in ihnen bleibt es auch leer.

Bis Jesus wieder in ihr Leben tritt. Am Morgen steht er am Ufer, als sie mit hängenden Köpfen, leerem Netz und leerem Magen zurückkommen.
Jesus spricht sie an: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ (V. 5)
„Nein, Jesus“, möchte ich antworten, „siehst du es denn nicht? Ihre Netze sind leer und ihr Magen. Und ihr Kopf ist voller Sorgen. Sie sorgen sich, wie es weitergehen soll; wer sie versorgt. Und da fragst du, ob sie nichts zu essen haben?“
Natürlich weiß Jesus das. Er spricht sie in ihrer konkreten Not an. Er sieht und versteht ihr Elend. Er steht einfach da. Er ist da. Sieht zu seinen Jüngern. Er sieht sie an. Seine Augen suchen sie. Jesus spricht sie an: „Kinder.“ Sie hören seine Stimme. Durch seine Stimme, seinen Blick, durch seinen Anblick und seine ganze Gegenwart fühlen sie sich sicher. In diese neu gewonnene Sicherheit hinein spricht Jesus den ersten Satz.

Er macht den Anfang. Und mit diesem Anfang wird ein Neuanfang für die Jünger möglich. Er fordert sie auf, ihr leeres Netz erneut auszuwerfen. Ja, ihre Leere wegzuwerfen.
Denn da, wo Jesus ist, hat die Leere keinen Platz mehr. Weder außen noch innen. Da, wo Jesus ist, ist Fülle.
Eine große, unerwartete Fülle! Sie zeigt sich wieder an dem Netz. Es ist komplett mit Fischen gefüllt. Das muss ein überwältigendes Gefühl für die Jünger gewesen sein! Das Netz ist prall gefüllt mit großen Fischen. Fische in Hülle und Fülle. Und das Netz reißt nicht. Es birgt die ganze Fülle in sich.

153 Fische sind in diesem Netz.
Warum ausgerechnet 153 Fische?, frage ich mich. Wieso ausgerechnet so eine krumme Zahl? Über diese Zahl habe ich mich schon immer gewundert und auch geärgert. Sie passte einfach nicht in mein Denkschema. Aus der Bibel kenne ich die 3, die 7 und die 12; die 4 und die 40; und auch den 1. und den 8. Tag – da ist für mich alles klar. Aber die 153 passte einfach nicht dazu.
Eines Tages bekam ich den entscheidenden Hinweis.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, wir wären heute 17 Leute im Gottesdienst. Der Erste brächte 1 Fisch mit, die Zweite 2 Fische, die Dritte 3 Fische usw. Und der 17. brächte gar 17 Fische mit. Dann wären alle zusammengezählt genau 153 Stück. Das ist überraschend und genial zugleich, weil es wir ein Geheimcode funktioniert. Die Fische sind der Schlüssel!
Denn die Summe von 1 bis 17 ergibt 153.
Die Kapitel 1 bis 17 des Johannesevangeliums spielen vor der Passionsgeschichte.
Der 1. Satz des Evangeliums lautet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1)
Der letzte Satz des 17. Kapitels lautet: „damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“ (Joh 17,26)
Beide Sätze zusammengenommen lauten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“
Das ganze Evangelium lässt sich in diesem Wort zusammenfassen. Es ist die Summe. Die Summe 153. Es sind 153 Fische. Die Fische symbolisieren das ganze Evangelium!

Und das Netz entspricht dem Kapitel 21. Es umspannt die Fische und damit das ganze Evangelium. Es beinhaltet alles und hält es zusammen. Es reißt nicht.

Nun fehlen uns noch drei Kapitel des Evangeliums. Die Kapitel 18-20, die Passionsgeschichte Jesu.
Sie werden durch Jesus selbst repräsentiert. Er ist der Auferstandene – mit den drei Wundmalen.
Er begegnet den Jüngern am Morgen – nach der Nacht der Niedergeschlagenheit und der Leere.
Jesus, der gesagt hat: „ICH BIN das Brot“, hat Brot dabei.
Jesus hält Fisch bereit. Jesus, der ICHTHYS genannt wird. Das ist eine Kurzform des griechischen Satzes: „Jesus Christus, Sohn Gottes und Retter.“ Das griechische Wort, das übersetzt eben Fisch heißt.
Der Fisch ist der Schlüssel!
Denn ER, der Sohn Gottes, der Auferstandene, er ist da und er lebt!

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“

In die Leere der schwindenden Nacht hinein spricht Jesus seine Jünger neu an. Er veranlasst ihren Neuanfang. Das prall gefüllte Netz ist das Symbol dafür. Und da geht plötzlich dem Ersten an diesem frühen Morgen ein Licht auf: „Es ist der Herr!“ (V. 7) Sein Herz hüpft vor Freude. Einer bekennt es zuerst. Dann können es auch die anderen erkennen. Da kommt Leben in die Jünger. Sie spüren neue Kraft und Schwung. Voll Elan kehren sie mit dem vollen Netz ans Ufer zurück.
Aber sie erkennen es nicht nur. Sie erleben es auch. Hautnah.
Denn Jesus spricht zu ihnen: „Kommt und haltet das Mahl.“ (V. 12) „Kinder, kommt, hier habt ihr Brot und Fisch. Ich habe alles für euch vorbereitet. Ich versorge euch. Macht euch keine Sorgen mehr. Ich bin euer Versorger. Mit mir habt ihr alles in Fülle.“

„Ja, Jesus“, möchte ich sagen, „da wird mir ganz warm ums Herz. Weil du da bist. Weil ich dich und deine Zuwendung erleben darf. Weil mich die Gemeinschaft mit dir entlastet. Weil ich mit dir äußere und vor allem innere Sicherheit erlebe. Danke, Jesus!“

Liebe Gemeinde,
ich möchte Sie bitten, sich etwas vorzustellen. Ich möchte Sie bitten, sich an ein schönes Abendmahl zu erinnern. –

Denken Sie daran, wie Sie in der Kirche nach vorne gehen.
Spüren Sie Ihren Schritten nach.
Dem Boden unter Ihren Füßen.
Suchen Sie sich einen angenehmen Platz aus.
Spüren Sie die Menschen neben sich.
Fühlen Sie sich in den Raum ein.
Die Heiligkeit des Altarraums.
Das gedämpfte Licht.
Die Stille.
Betrachten Sie alles ganz in Ruhe.
Spüren Sie Ihrem Atem nach.
Die Ruhe des Raumes breitet sich in Ihnen aus.
Leise Orgeltöne sind zu hören.
Eine Stimme spricht: „Christi Leib für dich gegeben.“
Ein Blick berührt Sie.
Der Geschmack der Oblate breitet sich in Ihrem Mund aus.
Der Kelch liegt gewichtet in Ihrer Hand.
Der Duft des Weines steigt in Ihre Nase.
Er fließt über Ihre Lippen – über Ihre Zunge – erfüllt Ihren Mund.
Er ist ganz gegenwärtig.

Gemeinschaft mit Jesus Christus.
Gemeinschaft untereinander.

Wir erleben sie in diesem Augenblick.

„Das stärke und bewahre euch im Glauben zum ewigen Leben. Gehet hin in Frieden.“
So hören wir es am Ende des Abendmahls und gehen wieder in unser Leben hinein.
Wir gehen gestärkt durch Brot und Wein.
Gestärkt durch das Evangelium von Jesus Christus.
Denn am Anfang war das Wort, damit die Liebe in uns sei!
Amen.

 

Angedacht: Vorworte

In diesem Jahr habe ich erstmals das Vorwort der Losungen gelesen. Es ist die 291. Ausgabe dieses Wegbegleiters für jeden Tag des Jahres. Es hat mir gefallen. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wozu Vorworte eigentlich da sind und für wen sie geschrieben werden? Wer braucht, bevor er beginnt, ein Buch zu lesen, ein einleitendes Wort?

Normalerweise erzeugt ein Buch die nötige Spannung durch die Handlung selbst. Durch die Geschichte der Personen wird mir wünschenswerterweise eine neue Sicht auf die Welt gewährt. Dazu brauche ich kein Vorwort. Denn ein gutes Buch braucht keines und ein schlechtes rettet es nicht. Tatsächlich habe ich mich selbst schon mal um die Schreiberin eines Vorwortes bemüht. Jemand mit Erfahrung, jemand Prominentes, ein Leserfischer sollte es sein. Ich wollte mit einer interessanten Person ein Kaufinteresse für das Buch wecken. Am besten schreibt man gleich auf den Buchdeckel, wer dieses Buch empfiehlt, damit der unentschiedene Käufer gleich erkennt, dass dieses ein Must-have ist. Er kann sich sein eigenes Urteil sparen, denn das Vorwort inklusive Hinweis auf dem Einband zeigen an, dass die Lektüre keine Geld- und Zeitverschwendung ist. Dieses Buch ist eine Sensation. Sagt ja schon das Vorwort. Mit einem Satz: Vorworte sind überflüssig und manchmal sogar schädlich. Es ist eigentlich eine irrige Ansicht, der Leserin und dem Leser sagen zu müssen, wozu er nach Lektüre des Buches selbst imstande ist.

Braucht ein Jahr ein Vorwort? Kann ein Vorwort dem Jahr ’21 eine zukunftsweisende Richtung verleihen? Dann könnten Sie sich, bevor sie es noch erleben, darauf vorbereiten, dass das Jahr dramatisch wird, aber letztendlich mit einem Happy End ausgeht. Würden Sie dem Vorwort vertrauen? Derzeit gibt es einige wenige Menschen, denen die Hörerinnen und Hörer in ihren Podcasts an den Lippen hängen, um zu erfahren, was die Inzidenzen, die Aktienkurse oder der Vogelflug denn anzeigen. Entschuldigen Sie bitte den bösen zynischen Ton. Ich bin froh, wenn bescheidene Menschen mit Augenmaß ihre Erkenntnis teilen. Und ich habe da auch meine Favoriten, deren Meinung ich einhole.

Nur bleibt uns auch für 2021 nur eine Lesart. Wir müssen das Jahr von vorne nach hinten, sozusagen Seite für Seite bis zum Ende erleben. Verstehen und beurteilen können wir es dann im Rückblick. Es hilft mir nicht, den Tag zu kennen, an dem mir das Leben Zitronen schenken wird. Ich hoffe, dass das Jahr durch Gottes Fügung gut wird und dass es rückblickend lebenswert gewesen sein wird. Das weiß ich aber erst vom Ende her. Bis dahin möchte ich Tag für Tag leben und aufmerksam sein, in der Erwartung, dass Gott seinen Segen zart und fein in jeden Tag des Jahres einwickelt und aus allem das Beste macht. Und bei den Losungen habe ich nach dem Vorwort nicht aufgehört zu lesen. Gottes Wort und das Gebet begleiten jeden neuen Tag.

Ralf Döbbeling

Angedacht: Der Sommer war groß und es wird wieder Sommer werden

Die Boote sind eingeholt, der Sommer war groß, aber er ist vorbei. Trotz mancher Einschränkungen war er erholsam. Die Kurve war flach und das Leben fühlte sich fast so normal an wie im Sommer zuvor, inklusive der Trockenheit. Doch die Krise ist zurück. Wenn ihr doch nicht der Eindruck der Katastrophe anhaftete.

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. (Hebräerbrief 10, 35)

Es gibt Tatsachen, denen nur schwer widersprochen werden kann, da ihnen faktisch nichts entgegen gehalten werden kann. Und wer für diesen Winter noch optimistisch war, hatte sich unter Umständen ungenügend informiert. Deutschland hat im Durchschnitt die älteste Bevölkerung in Europa und ist dadurch in vielerlei Weise risikoanfälliger als andere Länder mit einem anderen Altersmedian.

Nur ist das gleichbedeutend, dass die gute alte Zeit des Bootfahrens, des Schwimmens, der langen Abende, der gemeinsamen Zeit endgültig vorbei sind? Und – nachgefragt – reicht es überhaupt aus, sich auf den nächsten Sommer zu freuen, der all das wieder verspricht? Die Boote sind nur für den Winter eingeholt, um im nächsten Jahr wieder zu Wasser gelassen zu werden.

Werft euer Vertrauen nicht weg. Ich möchte hinzufügen, auch jetzt nicht, weil das Vertrauen sich lohnt. Und weil die Hoffnung über die Erfahrung hinausgeht. Gerade angesichts der Verletzlichkeit und Sterblichkeit brauchen wir Vertrauen und sollten uns nicht in Ängsten verlieren. Denn eigentlich hat sich nichts Grundsätzliches geändert. Wenn die Optimisten gut informiert gewesen wären, hätten sie wissen können, dass alle Menschen sterblich sind. Schon immer. Dennoch waren auch die Menschen, die vor uns gelebt haben zuversichtlich. Trotzdem haben sie Kinder in die Welt gesetzt, trotzdem haben sie etwas riskiert und immer wieder Zeit verschwendet, indem sie gelacht, getanzt und gefeiert haben. Gott sei Dank! Zukunftserwartung und Freude gehören zusammen wie Glaube und Vertrauen.
Aber ist vielleicht unsere Zukunft älter geworden als die Zukunft früherer Generationen. War ihre Zukunft jünger und irgendwie frischer? Verspricht uns unser Leben weniger Lebensqualität als ihnen, deren Leben schon vergangen ist?

Die Frage ist nicht nur irreal, sondern auch absurd. Wir leben in guten Zeiten. Lassen Sie uns also nicht fatalistisch werden. Nicht ein blindes Schicksal lenkt uns, sondern der Gott, der uns sieht, leitet und begleitet uns. Es sitzt ein Gott im Regimente, der uns liebt. Es macht einen Unterschied, ob man das glaubt oder das Vertrauen wegwirft. Das entsorgte Vertrauen macht aus der Krise die Katastrophe. Wir brauchen aber für die Gegenwart und auch für den Winter Menschen, die hoffen, die in anderer Weise positiv ansteckend sind und motivieren.

Selbst durch häufiges Zitieren ist der Satz nicht abgegriffen: Krisen können Chancen sein. Selbst der Tod, den wir vermeiden möchten, an den wir deshalb möglichst selten denken, wird in Gottes Händen verwandelt in ein neues Leben.

Ihr Pfarrer
Ralf Döbbeling