10. Okt. 2018 | Angedacht
Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. (Psalm 38,10 – Monatsspruch im Oktober 2018)
Während ich diesen Satz lese, kommen mir die ersten Gedanken und Fragen: Was bedeutet „sehnen“?
Ist dies der Zustand, in dem man sich etwas wünscht, was man gerade nicht hat? z.B. einen bestimmten Gegenstand (Hut – weil gerade die Sonne heiß scheint) oder ein Eis; den lang schon beantragten Urlaub. Vielleicht eine Arbeitsstelle oder einen Studienplatz. Für die Beziehung zu Personen benutzen wir oft das Substantiv und haben Sehnsucht nach Menschen, die wir lange nicht sehen konnten oder nach einem vertrauten Gesprächspartner/in.
Sehnen – dieses Wort hat in der Mitte ein h, also einen Buchstaben, der das Wort dehnt und somit seine Bedeutung auf etwas länger Bestehendes oder lang Anhaltendes hinweist. Für mich beinhaltet
dieses Wort aber auch so etwas wie Leere oder Verlust und es und ist verbunden mit Hoffnung auf Veränderung.
Sich sehnen wonach? Sehnsucht haben nach wem? Wonach sehnen Sie sich? Ich habe mich in diesem langen heißen Sommer sehr oft nach etwas Regen gesehnt.
Der Beter des Psalms 38 ist krank und sehnt sich nach Gottes Hilfe und Genesung. Diese Situation kenne ich nur zu gut und kann nachempfinden, wie es ihm geht. Als ich 2012 selbst schwer krank war, ging es mir genau so. Da ich im medizinischen Bereich tätig bin, war mir schnell klar, dass bei meiner Diagnose nicht immer eine Heilung möglich ist. Als mir das richtig bewusst wurde, wuchs in mir eine große Sehnsucht nach Genesung. Mit vielen Fragen und Klagen, mit Seufzen, Ringen um Antworten und intensiven Gebeten wendet ich mich an Gott. Dabei wurde ich von meiner Familie, vielen lieben Freunden und den Gemeindemitgliedern unterstützt. Es war ein Weg, auf dem ich erkannte, dass Gott mir mit dieser Krankheit eine Frage stellte: Wem vertraust du? Vertraust du mir auch dann, wenn du nicht geheilt wirst? Meine Antwort wuchs im Gebet und Gespräch mit Gott zu einem: Ja, Herr.
Seit diesem Prozess geht es mir besser. Nicht nur, weil Gott mich geheilt hat sondern weil ich weiß, dass ich ihm alles anvertrauen und zutrauen darf. Für diese Erfahrung bin ich Gott dankbar und wünsche auch Ihnen, sich Gott mit Allem und in allen Situationen anzuvertrauen und ihm alles zuzutrauen. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Steffi Seiferlin
26. Sep. 2018 | Angedacht
Während ich dieses schreibe, sitze ich im Schatten einer fast dreihundertjährigen Linde. Obwohl sie mittlerweile einen privaten Baumpflegedienst hat, sind ihre Jahre vermutlich gezählt. Beziehungsweise, wenn der Baum einmal gefällt worden sein wird, wird man ihr Alter dann an den Jahresringen abzählen können. Im Frühjahr bilden Bäume hellerscheinende Holzzellen, im Winter entstehen daneben dunklere Ränder, die im Querschnitt als Jahresringe zählbar sind.
Mithilfe dieser Ringe kann man das Alter eines Baumes ablesen. Die als Ringe sichtbaren Leitungsbahnen befördern Nährstoffe und Wasser. Die jungen aktiven Holzschichten werden selber durch die Rinde von außen geschützt. Daher erkennt man, welcher Sommer trockener und welcher Winter kälter gewesen ist. Den Sommer 2018 wird man, so vermute ich stark, an einem geringen Stammeswachstum erkennen, da wegen der Trockenheit weniger Wasser im Baum von den Wurzeln in die Krone transportiert werden musste.
Ähnlich sind wohl auch unsere Jahre. Sie kommen und gehen und hinterlassen ihre Spuren. Wir schauen auf die Jahre zurück und sind erfreut. Wir erinnern uns und sind traurig. Und manchmal schmerzt es wie am ersten Tag. Doch was die Jahre wirklich gebracht haben, was gewachsen ist, zeigt sich nicht unmittelbar. Manchmal eröffnet sich nach Jahren noch einmal ein ganz neuer Blick auf ein vergangenes Jahr. Ein Mensch sagt uns, was ihm ein Wort von uns bedeutet hat. Oder erst im Rückblick erschließt sich, was ein anderer von uns erwartet hätte, wie viel ihm Beistand bedeutet hätte. Das wift ein neues Licht. Die fetten Jahre sind plötzlich gar nicht mehr so dick und die mageren scheinen plötzlich viel voller. Verzicht und Fülle, Schuld und Frucht zeigen sich noch einmal anders. Und vor allem ist es ein Segen, wenn ein Mensch aus den Erfahrungen der Vergangenheit in der Gegenwart Gutes für die Zukunft schaffen kann.
Und ich glaube und hoffe, dass Gott sogar aus den bösen und dürren Jahren noch das Beste machen wird. Wir können ihn um diesen Pflegedienst an unserm Lebensbaum bitten. Mir wäre es ein Trost und ein Zeichen der Reife, wenn ich später die Jahresringe meines Lebens versöhnt und ohne Bitterkeit ansehen könnte. Quasi im Angesicht Jesu Christi.
Ralf Döbbeling
05. Sep. 2018 | Angedacht
Gottesdienst ist Begegnung und Beziehung mit Menschen und Gott
„Wenn ich nicht zum Gottesdienst gehe, fehlt mir etwas.“ Ungläubig schaue ich die ältere Dame an und frage nach. Sie erzählt lange und viel. Keine frommen Floskeln, keine Bibelstellen, keine rechtfertigenden Sätze von früher oder Tradition. Nein – alles Sätze aus dem vollen Leben. Ich bin beeindruckt und versuche die Dinge für mich zu ordnen.
Die Kirche ist wie: die ausgebreiteten Arme Gottes
Sie erzählte vom Ankommen in der Kirche, dem Gefühl willkommen zu sein. Die Menschen am Eingang sind wichtig, aber auch ohne Gesangbuch-ergänzten Handschlag kommt sie gern rein. Es ist die Stimmung, die der Anblick des Kirchenraumes auslöst. Es ist ein Gefühl, als ob sie in die ausgebreiteten Arme Gottes läuft. Willkommen sein ist ein wichtiger Fakt beim Kirchenbesuch und der Gottesbegegnung.
In der Ansprache Heimat finden
Die ersten Minuten gehen für sie fast spurlos vorbei, aber sie will sie auch nicht missen. Egal ob Glockengeläut, Orgelgespiel oder Menschengerede: Den Anfang braucht es, um anzukommen. Und dann plötzlich, ohne dass man es zeitlich festlegen kann, kommt die Ansprache, ein Gedanke im Lied, ein Wort im Gebet, eine Ansage und sie ist da. Dieser Gedanke holt sie in den Gottesdienst und macht aus der Kirche Heimat und einen Wohlfühlort. Sie fängt dann an, weitere Gedanken zu suchen, hört zu, liest mit, schaltet ab und wieder an und merkt, dass der Gottesdienst für sie zu einer vertrauten Herausforderung wird. Als sie so erzählt, schweife ich mit meinen Gedanken ab. Ich bin sogar schon mal im Gottesdienst eingeschlafen, aber nie käme mir der Gedanke früh im Bett zu bleiben und den Gottesdienst zu verschlafen. Mir würden der Gedanke und die Heimat fehlen.
Das Gebet als Freundschaftsanfrage Gottes
Wenn das Gebet kommt, hat sie die Predigt oft schon vergessen und sich über den Klingelbeutel geärgert, aber beides gehört ja dazu. Sie erwartet das Gebet als die besondere Zeit im Gottesdienst, weil es eine fast magische Atmosphäre gibt. Alle stehen auf und richten sich innerlich nach Gott aus. Die Konzentration ist beim Gebet wohl am höchsten, von allen Augenblicken im Gottesdienst. Und egal welche Worte gewählt werden, es läuft ihr kalt und heiß den Rücken runter.
Ich bin skeptisch. So charismatisch beten wir doch gar nicht, dass Leute umfallen oder laut juchzen. „Es geht äußerlich gesittet zu“, sagt sie, „aber innerlich bin ich immer aufgewühlt.“ Ich prüfe das in den nächsten Wochen im Selbstversuch. Ich komme empirisch aber nicht zu einem vernünftigen Ergebnis. Das Gebet ist mal intellektuell, mal rational, mal nicht nachvollziehbar, mal aktuell, mal so allgemein wie der Wetterbericht. Was kann also Besonderes im Gebet liegen?
Ich entdecke dann den besonderen Moment, wenn sich die innere Anspannung, auf den Wortlaut zu achten, löst und das gemeinsame Gebet einsetzt. Es ist wie eine emotionale Explosion, wenn plötzlich dieses „Vater unser“ einsetzt. Hier schließen sich die Willkommen-Arme vom Eingang fest um mich und ich weiß, dass Gottes Angebot einer Freundschaftsanfrage steht. Ich muss ihm nur antworten. Das mache ich gern, jeden Sonntag wieder. Der Segen setzt das absolute Sahnehäubchen drauf.
Alles Weitere verliert sich in dem Gefühl einer guten Erinnerung und beim Rausgehen habe ich selten Abschiedswehmut. Ich komme ja wieder. Und außerdem kommen dann die menschlichen Freundschaftsanfragen beim Kirchencafé. Wenn ich will, kann ich antworten und habe einen schönen Ausklang. Wenn nicht, ist mir keiner böse. Wir haben ja eine gemeinsame Heimat.
Gottfried Muntschick
29. Aug. 2018 | Angedacht

Foto: Cornelia Büdel
Jesus spricht: „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben! Ohne mich kann niemand zum Vater kommen.“ (Johannes 14:6)
Festgelegte alltägliche Wege verlassen zu können, ist ein großes Glück. Als Pilgerin unterwegs zu sein bedeutet für mich Freiheit. Zu Fuß durch die Natur von Ort zu Ort zu ziehen, oben der Himmel, unten der Weg, dazwischen Vögel, Blumen, Berge und überall freundliche Menschen, das ist wunderbar.
Wird hier der Weg zum Ziel? Was macht das Pilgern aus? Nirgendwo wird deutlicher wie wichtig das Ankommen ist. Schwitzend und durstig, mit schmerzenden Beinen, Wegbiegung um Wegbiegung nehmend, stetig bergauf, nach Luft ringend ist das Verlangen nur noch auf eines gerichtet – die Ankunft in der Herberge. Der Blick über die Berge, eine Suppe, ein Bier … alle Anstrengung ist vergessen: Endlich am Ziel!
Unsere Lebensspanne wurde immer wieder mit dem Pilgern verglichen. Sehnen wir uns denn nach dem Ziel? Ist das Ankommen wichtig? Oder gerät es aus dem Blick, weil wir meinen, schon zu Hause zu sein? Noch bin ich unterwegs und genieße die Sonne, den Wind, die Nacht und das Erwachen. Doch die Sehnsucht ist auf das Ziel gerichtet – und das nicht erst, wenn ich müde werde und die Füße schmerzen.
Jesus spricht: „Lasst euch nicht in Verwirrung bringen. Glaubt an Gott und glaubt auch an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann etwa gesagt: ‚Ich gehe jetzt hin, um den Platz für euch vorzubereiten‘? Und wenn ich hingegangen bin und euch den Platz vorbereitet habe, werde ich wiederkommen und euch zu mir holen, damit auch ihr da seid, wo ich bin. Den Weg dorthin kennt ihr ja.“
(Johannes 14:1-4)
Begeben wir uns gemeinsam auf den Weg!
Cornelia Büdel
Hörnli (Schweiz) 26. August 2018
04. Juli 2018 | Angedacht
Vor einigen Jahren bin ich beim Suchen nach neuen Liedern für die Gemeindejugendband InParish über die Band “Third Day” (dt. dritter Tag) gestolpert. Seit dem läuft ihr Album “Lead us back” (dt. Führe uns zurück) bei mir andauernd auf Dauerschleife. Jedem, der Lobpreis und vor allem englischen Lobpreis mag, lege ich dieses Album sehr ans Herz.
Eine Textstelle hat mich damals sehr bewegt und zu vielen neuen Ideen und Ansichten geführt. Es geht um folgenden Abschnitt aus “He is alive” (dt. Er lebt):
He is alive (Er lebt)
Death is defeated (Der Tod wurde besiegt)
Sin has retreated (Die Sünde hat sich zurückgezogen)
From the power of the Son (Von der Macht des Sohns)
And He is alive (Und Er lebt)
The enemy is faded (Der Feind ist verblasst)
The battle still rages (Der Kampf geht noch weiter)
But the war has been won (Aber der Krieg wurde gewonnen)
Ein Text, der voller Euphorie von Frontsänger Mac Powell gesungen wird. Dass Jesus lebt und er auferstanden ist, feiern wir jedes Jahr an Ostern. Weltweit, in unzählbar vielen Gottesdiensten und zum Sonnenaufgang bei Andacht und Morgentau auf dem Ochsenberg. Ein Tag, den ich in totaler Ruhe und innerem Frieden angehe. Auch wenn es immer etwas stressig ist, so früh aufzustehen. Aber es ist ein Tag, der so schön ist, an dem ich so viel Fröhlichkeit und Glücklichkeit erlebe. An Ostern machen wir uns bewusst, wie Jesus den Tod besiegt hat, uns unsere Sünde abgenommen hat, und uns damit befreit hat. Er hat für uns den großen Krieg gegen das Sündigsein gewonnen. Mit seinem Tod und seiner Auferstehung hat er innerhalb einer knappen Woche alle Feinde verblassen lassen und jede Sünde vertrieben.
Wir feiern diesen Tag groß und viel, bis uns der Alltag wieder einholt und wir wieder ein Jahr lang vergessen, dass Jesus schon für uns gestorben ist. Wir ein Jahr lang danach suchen, wie wir bessere Christen werden, wie wir mehr in der Bibel lesen können, häufiger zu Gottesdiensten gehen können, mehr Lobpreis singen oder mehr beten, mehr spenden oder strikter nach Gottes Geboten leben, strenger fasten oder christlicher zu unseren Nächsten sein können. Das sind alles kleine Kämpfe die wir mit uns selber austragen, um uns zu überwinden, bessere Christen in jeglicher Hinsicht zu werden. Das sind kleine Kämpfe, die wir in Diskussionen im Kirchenkaffee austragen oder in Hauskreisen diskutieren. Kleine Kämpfe gegen den Feind Sünde, die ich tunlichst vermeiden will. Aber all diese Kämpfe wurden schon gewonnen. Wir tragen sie noch aus, wir kämpfen noch gegen die Sünde, Aber sie wurde bereits besiegt! Vor zweitausend Jahren schon.
Ich vergesse im Laufe dieses Jahres von Ostern zu Ostern viel zu häufig, dass Jesus lebt. Dass er unseren Krieg gewonnen hat und wir frei sind. Befreit von der Sünde. Dass mancher Stress den ich mir mache, manche Angst, manche Ungewissheit durch Ihn schon vollkommen aufgenommen wurde und ich leben kann, durch Ihn und mit Ihm.
Lasst uns uns gegenseitig daran erinnern, dass Jesus auferstanden ist! Er ist nicht heute, nicht vor drei Monaten, sondern schon vor ca. zweitausend Jahren auferstanden. Also können wir uns ruhig auch jeden Tag daran erinnern, und nicht nur an einem einzelnen, kalten, bewölkten Sonntagmorgen im April auf dem Ochsenberg vor Sonnenaufgang.
Und dass wir nicht vergessen, dass er all unsere Sünde mitgenommen hat, schließe ich mit einem Zitat von C.S.Lewis “ When Christ died, He died for you individually just as much as if you had been the only man in the world. ” (dt. Als Christus starb, starb er für dich persönlich genauso viel, als ob du der einzig lebende Mensch in der Welt gewesen wärst.)
Florian Loppnow
20. Juni 2018 | Angedacht
Wir treffen uns zufällig auf dem Marktplatz. Sie, die engagierte Klassenlehrerin unseres Kindes. Ich, eine etwas nachlässige Mutter. Ich fange an, eine Entschuldigung zu stammeln, denn seit 1 1/2 Jahren habe ich mich nicht um ein Elterngespräch bemüht, was ich nach den Gepflogenheiten dieser Schule hätten tun sollen. Sie: „Keine Sorge! Alles in Ordnung.“ Entspannung, Durchatmen. Ein bisschen was haben wir dann doch zu besprechen, das Lesen, das Schreiben, naja, die Konzentration….. Doch sie lässt immer wieder durchblicken: „Keine Sorge! Es ist alles gut.“ Ich höre es als Entlastung, als Ermutigung, nicht als dahingesagte Floskel. Dann reden wir weiter, über sie, Stress und Herausforderungen, Glück und Hoffnungen. Sie fragt bei mir nach. Ich erzähle von Aufgaben und Sorgen, Entwicklungen und Zuversicht. Alles auf Augenhöhe, ehrlich interessiert, seltsam vertraut. Die Glocken fangen an zu läuten. Als ich heimfahre, bin ich so froh und erfüllt und doch leicht, als wäre ich einem Engel begegnet.