Einmal in der Woche 12.00Uhr halte ich in der Wärmestube im Steinweg ein kleines Mittagsgebet mit den Gästen und Mitarbeitenden, die gerade da sind. Diese Andacht ist fester Bestandteil des Tages an diesem Ort. Für manche Gäste das Signal, eine Zigarette rauchen zu gehen, für andere ein Stück Brot „in Wüstennot“. Gemeinsam sprechen wir zu Beginn: „Der Tag ist seiner Höhe nah, nun halte lauschend still…“
Einige Besucher:innen kenne ich, sie sind oft da, genießen Gemeinschaft, freuen sich über ein günstiges Mittagessen und lassen die Heizung zu Hause aus um Geld zu sparen. Andere sehe ich zum ersten Mal: Die Freundin oder die Vermietung hat sie frisch vor die Tür gesetzt oder sie sind auf der Durchreise nach Berlin oder Hamburg oder sie sind gerade aus dem Gefängnis entlassen worden.
Die Wärmestube steht für sie alle wochentags von 10.00 bis 15.30 Uhr offen, sie ist ein warmer, sicherer Ort. Hier wird man nicht aufgescheucht oder weggeschickt, bekommt keine blöden Kommentare und kann das Handy aufladen. Ausgestattet ist die Wärmestube mit einer Waschmaschine, einem Bad mit Dusche, einem Kleiderlager, einer Musikanlage und einem Fernseher, einer Küche mit Industriegeschirrspüler und Tischtennisschlägern für den Sommer.
Ein paar Eingänge weiter befindet sich die Sozialberatung der Evangelischen Stadtmission Halle. Die beiden Sozialarbeiter beraten bei Verschuldung, drohendem oder tatsächlichem Wohnungsverlust, helfen, Unterlagen zu beantragen oder Formulare auszufüllen, können mit einem Straßenbahn-Ticket oder einem Lebensmittel-Notpaket aushelfen, stellen Postadresse und –fächer für wohnungslose Menschen zur Verfügung oder vermitteln an andere Institutionen. Der Andrang ist enorm, Tendenz steigend. Für den Betrieb der Wärmestube sind sie letztlich auch noch verantwortlich.
tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts) ist der Titel einer aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum Halle. Untertitel: Wohnungslosigkeit und unsicheres Wohnen in Halle. Studierende der Kunsthochschule, Studiengang Kommunikationsdesign/ Schwerpunkt Fotografie haben sich auf die Anfrage von Heiko Wünsch, dem Leiter der Sozialberatung und Wärmestube, intensiv und behutsam mit Betroffenen und Hilfe-Einrichtungen beschäftigt. Das Ergebnis macht deutlich: Das Thema Wohnungslosigkeit gehört nicht in eine dunkle Schmuddelecke, sondern stellt einen Teil des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt Halle dar. Im Begleitheft zu der Ausstellung sagt mein Kollege Heiko: „Wenn wir verstehen, dass jeder Mensch einmal fallen kann, wäre es besser möglich, dass wir in diesen Momenten aufeinander achten, einander die Hand reichen und uns nicht abwenden. Dann entsteht aus Mitgefühl Stärke, aus Gemeinschaft Hoffnung – und aus dem Fallen ein Wiederaufstehen.“ Ein Besuch der Ausstellung ist bis zum 31. Mai 2026 möglich und sehr zu empfehlen.
Menschen, die auf der Strasse leben, sind auf die Solidarität untereinander und auf die Unterstützung von Vorübergehenden angewiesen. Auch die großartigen Angebote des Kälte-Busses „Vier Jahreszeiten“ sind eine große Hilfe. Dennoch ist das Problem zunehmender Wohnungslosigkeit und Verarmung nicht allein durch menschliche Güte und engagierte Wohlfahrtsverbände aufzufangen und zu lösen. Im März 2024 gründete sich im Saal der Evangelischen Stadtmission das Bündnis Wohnungslosigkeit überwinden. Darin arbeiten nicht nur freie Träger und Betroffene mit, sondern auch Wohnungsgesellschaften, das Jobcenter, der Soziale Dienst der Justiz, das Sozialamt und das Haus der Wohnhilfe. Mutige Politiker in Berlin haben vor ein paar Jahren das Ziel ausgegeben, dass es im Jahr 2030 in Deutschland keine wohnungslosen Menschen mehr geben soll. Das Bündnis sucht nach Strategien, strukturellen Verbesserungen und einer wirkungsvolleren Zusammenarbeit von Akteuren, um sich diesem Ziel zumindest etwas anzunähern.
In jedem Fall braucht es die Wärmestube im Steinweg noch ein paar Jahre als sicheren Zufluchtsort, als Raum, der Gemeinschaft ermöglicht und allen Gästen gleichermaßen Würde verleiht. Die Arbeit der Wärmestube kann gerne durch Sachspenden unterstützt werden.
Am Ende des Mittagsgebetes segne ich alle Anwesenden. Ein würdevoller Blick auf die Menschen ohne Zuhause, Interesse an der Ausstellung oder eine Notiz auf dem Einkaufszettel lassen Gottes Segen spürbar werden.
Michaela Herrmann
