Landtagswahl 2026: Parteiprogramme im Licht in der Wahlo-Nacht

Wahlen entscheiden, wer regiert. Aber wer kennt denn schon die Wahlprogramme der Parteien? Zwischen Plakaten und Beiträgen in den Medien geht verloren, was Parteien wirklich versprechen, schwarz auf weiß, verbindlich und nachlesbar. Wir möchten das ändern! Zur Nacht der Kirchen laden wir zur „Wahlo-Nacht“ ein: einer politischen Lesung aus den Wahlprogrammen zur Landtagswahl 2026.

Bei der Vorbereitung auf die Wahl haben wir uns gefragt, welche Infoveranstaltungen eigentlich stattfinden. Abgesehen von parteipolitischen Auftritten gibt es in den Vierteln Halles kaum Angebote. Diese Lücke möchten wir füllen und die Nacht der Kirchen ist der ideale Ort dafür, der Menschen aus dem Viertel zusammenbringt. Das diesjährige Motto „Lichtpunkte“ passt wie gerufen.

Dabei wollen wir keine Meinungen vorgeben oder Aussagen von Einzelnen diskutieren. Uns interessiert, was die Parteien zu Kirche und ihren Strukturen sowie zu sozialen Fragen wirklich geschrieben haben. Dabei sprechen die Texte für sich. Im Anschluss seid ihr dann eingeladen, ins Gespräch zu kommen. Ein moderiertes Podium gibt es bewusst nicht, da es uns nicht darum geht eine weitere öffentliche Bühne für Meinungen zu bieten. Vielmehr soll in gutem protestantischen Sinne das Wort für sich stehen und zur Meinungsbildung einladen. Wir verstehen Kirche als gesellschaftlichen Schutzraum und möchten diesen für die unterschiedlichen Betrachtungsweisen öffnen.

Die Veranstaltung findet am Samstag 22. August um 19 Uhr im Großen Saal statt. Wer Lust hat, aktiv mitzulesen oder einfach neugierig ist, meldet sich gerne schon jetzt bei uns.

Und natürlich laden wir euch herzlich zur ganzen Nacht der Kirchen in Bartho ein. Am romantischen Ort öffnet die Bar und in der Kirche gibt es wundervolle musikalische Angebote.

„Es reicht“ – gemeinsam genug leben

Foto: Micha-Initiative e.V.

„Ich habe genug, es reicht!“ Wann haben Sie diesen Satz zuletzt formuliert? „Wann reicht es? Wieviel ist genug?“, könnten Sie entgegnen. Und genau diesen Fragen wollen wir uns im September stellen. Vom 6. September bis 4. Oktober 2026 wird es in der Bartholomäusgemeinde und im Stadtteil Giebichenstein lebendig: Gemeinsam mit dem Gründer:innenhaus Steiler Berg veranstalten wir den Aktionsmonat „Es reicht“ – vier Wochen, in denen wir uns der Frage widmen, was ein gutes Leben ausmacht. Müssen wir immer mehr haben, schneller und besser sein? Was ist zu viel? Was macht uns glücklich? Welche Rolle spielt der christliche Glaube dabei?

 

Mehr als Verzicht

Suffizienz ist eine von drei zentralen Nachhaltigkeitsstrategien, die der Weltklimarat (IPCC) benennt. Während Effizienz darauf abzielt, Dinge besser zu nutzen (z. B. sparsamere Autos), und Konsistenz die Produktion durch umweltfreundlichere Technologien verändert, geht es bei der Suffizienz um eine grundlegendere Frage: Wie viel ist genug? Sie fordert uns heraus, unsere Bedürfnisse zu überdenken und unser Verhalten anzupassen.

Suffizienz lässt sich aber nicht nur im Blick auf Nachhaltigkeit und Konsum leben, sondern ist auch leicht auf andere Lebensbereiche übertragbar. Suffizienz stellt die entscheidende Frage: Was brauchen wir wirklich, um ein erfülltes Leben zu führen?

Als Christ:innen haben wir hier eine besondere Perspektive. Gottes Idee von dieser Welt hilft uns, die Glaubenssätze der Konsum-, Leistungs- und Wachstumsgesellschaft zu hinterfragen. Statt „Mehr“, „Noch besser“ und „Mehr als die anderen“ werden Werte wie „Genug“, „Gut genug“ und „Gemeinsam mit anderen“ zentral. Urchristliche Praktiken wie Fasten, Sabbat, Erlassjahr oder Stille zeigen uns Wege, wie wir diese Haltung leben können – und dass sie keineswegs neu ist, sondern tief in unserer Tradition verwurzelt.

Wie kann das praktisch aussehen?

Suffizienz zeigt sich in vielen Bereichen unseres Lebens – und ist oft einfacher, als man denkt:

  • Ernährung: Gemeinsames Kochen mit geretteten Lebensmitteln statt Lebensmittelverschwendung. Einfach, lecker und in schöner Gemeinschaft.
  • Konsum: Kleidertauschpartys oder Secondhand-Käufe statt Neuprodukte, Repair-Cafés, in denen kaputte Dinge wieder flottgemacht werden, statt sie wegzuwerfen.
  • Mobilität: Mehr zu Fuß gehen, Fahrrad fahren oder Carsharing nutzen statt Individualverkehr – gut für die Umwelt und oft auch für die eigene Gesundheit.
  • Zeit: Bewusster Umgang mit unserer Lebenszeit, Pausen einlegen statt ständiger Verfügbarkeit. Weniger Hetze, mehr Präsenz.
  • Wohnen: Gemeinschaftsgärten, Leihläden oder Nachbarschaftshilfe statt Ansammeln. Teilen statt besitzen.

Diese Beispiele zeigen: Suffizienz ist kein Verzicht, sondern eine Bereicherung. Sie befreit von übermäßigem Konsum und Getriebensein und schafft Raum für das, was wirklich zählt: Beziehungen, Gemeinschaft und ein Leben im Genug.

Was erwartet euch im Aktionsmonat?

Wir entdecken Suffizienz auf unterschiedlichen Wegen: Neben erfrischenden Impulsen und Vorträgen im Gründer:innenhaus werden praktische Workshops und auch künstlerisch-kreative Events stattfinden. Sonntags gibt es im Gottesdienst einen 15-minütigen Impuls der Micha-Initiative – einer christlichen Gerechtigkeitsbewegung, die Materialien für Kirchgemeinden entwickelt. Die vier Impulse führen uns durch verschiedene Aspekte des Themas:

  1. Träumen: Welche Vision einer gerechteren Welt bewegt uns?
  2. Glaubenssätze: Welche gesellschaftlichen Überzeugungen prägen unser Handeln – und wie können wir sie aus christlicher Perspektive hinterfragen?
  3. Ekklesia bin ich: Wie verbinden wir persönliche Haltung mit gemeinschaftlichem Handeln?
  4. Die Rolle der Kirche: Wie können wir als Gemeinde Mahnerin, Mittlerin und Motor für Veränderung sein?

Der Festgottesdienst an Erntedank (4. Oktober) krönt den Aktionsmonat.

Warum hier? Warum wir?

Die Bartholomäusgemeinde verbindet Tradition mit Aufbruch. Mit dem Steilen Berg e.V. – unserem Partner für ganzheitliches Gründen und Arbeiten und soziale Innovation – zeigen wir, wie Kirche und zivilgesellschaftliche Initiativen gemeinsam Neues schaffen können. In Giebichenstein gibt es bereits viele engagierte Menschen und Initiativen. Dieser Aktionsmonat schafft einen gemeinsamen, niedrigschwelligen Rahmen, um Suffizienz praktisch, spirituell und kulturell zu erleben.

Wir möchten einen Ort schaffen, an dem Menschen aus Gemeinde, Nachbarschaft und Stadtteil zusammenkommen, sich kennenlernen und für ein Leben im Genug begeistern lassen. Langfristig wollen wir neue Kooperationen knüpfen und Formate etablieren, die über den Aktionsmonat hinauswirken.

Ob zum Zuhören, Mitdenken oder Mitmachen – hier ist Platz für alle, die neugierig sind. Lasst uns gemeinsam entdecken, wie bereichernd ein Leben mit mehr Bewusstsein, weniger Ballast und mehr Gemeinschaft sein kann. Alle Veranstaltungen sind kostenlos.

Mehr Informationen gibt es ab Ende Juli auf unserer Website und über Aushänge im Gemeindehaus und im Gründer:innenhaus Steiler Berg. Wir freuen uns auf eine spannende und bereichernde Zeit mit euch!

Sie haben eine Idee dazu? Wer sich gerne bei der Planung und Umsetzung engagieren möchte, kann sich bis zum 15. Juli bei Hanna Löffler (Community Managerin im Steilen Berg) unter hl@steilerberg.de melden.

Montagsgespräch: ,,Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“

Die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Titel „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, die im Februar 2024 einstimmig verabschiedet wurde, stellte fest, dass die AfD für Christen nicht wählbar sei, da völkisches Gedankengut, das Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert, fundamental gegen christliche Werte verstößt und eine Gefahr für Deutschland darstellt, weshalb kirchliche Ämter für AfD-Funktionäre nicht tragbar sind. Der stellvertretende AfD-Bundessprecher Stephan Brandner hatte daraufhin den Bischöfen ein „durchschaubares Wahlkampf- und Ablenkungsmanöver“ und Polithetze und Dreistigkeit vorgeworfen. Die EKD-Synode dagegen stellte sich hinter die Aussagen der katholischen Bischofskonferenz. Die Ratsvorsitzende Bischöfin Kirsten Fehrs sagte: Die Erklärung der Bischöfe und der Beschluss der EKD-Synode vom Dezember 2023 lägen klar auf einer Linie.

Am Montag 1. Juni lädt die Paulusgemeinde um 20 Uhr zum Montagsgespräch mit Bischof Dr. Gerhard Feige in die Paulus-Kirche ein. Dabei soll es um die Haltung der Kirchen zu den aktuellen Entwicklungen in der Politik im Wahljahr 2026 gehen. Dabei gehe es um die grundsätzliche Entscheidung, „ob wir weiterhin in einer freiheitlichen Demokratie leben wollen oder tatenlos zusehen, wie diese immer mehr demontiert und untergraben wird“ (Zitat: Dr. Gerhard Feige).

Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht

Montagsgespräch mit Bischof Friedrich Kramer

Am Montag 27.04. stellt sich in der Reihe der Montagsgespräche in der Pauluskirche der Landesbischof und Friedensbeauftragte des Rates der EKD Friedrich Kramer den Fragen des Publikums.

Fragen zu Krieg und Frieden, zum Verhältnis zur AfD, zur Aufarbeitung der Corona-Zeit, zu Missbrauchsfällen in der Kirche oder zu Zukunftsfragen von Kirche und Gesellschaft werden dabei ihren Platz haben. Der Pressesprecher der Diakonie Mitteldeutschlands Frieder Weigmann wird dieses Gespräch moderieren.

Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr in der Pauluskirche (nicht wie sonst im Paulus-Gemeindehaus). Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.

Montagsgespräch „Zivilgesellschaft unter Druck“

Am Montag 16. März um 20 Uhr spricht in der Reihe der Montagsgespräche im Paulus-Gemeindesaal der Magdeburger Historiker und Rechtsextremismus-Experte Pascal Begrich angesichts der anstehenden Kommunalwahlen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern und dem in diesem Zusammenhang zu erwartenden omnipräsenten Dauerwahlkampf der AfD, wie der dominanten Erzählung über die bereits „verlorene“ offene Gesellschaft mit zahlreichen und vielfältigen Geschichten des demokratischen Engagements entgegengetreten werden kann und was bei Wahlsiegen oder einer Regierungsbeteiligung rechtsextremer Parteien vor Ort auf dem Spiel steht. Wie können demokratische Akteure der Zivilgesellschaft – insbesondere in den ländlichen Räumen – sichtbarer werden, wie können sie ermutigt und unterstützt werden? Das Gespräch wird moderiert von Curt Stauss.

Mehr Informationen zur Veranstaltung gibt es auf der Website der Paulus-Gemeinde.

Tagsüber bin ich woanders

Foto: Michaela Herrmann

Einmal in der Woche 12.00Uhr halte ich in der Wärmestube im Steinweg ein kleines Mittagsgebet mit den Gästen und Mitarbeitenden, die gerade da sind. Diese Andacht ist fester Bestandteil des Tages an diesem Ort. Für manche Gäste das Signal, eine Zigarette rauchen zu gehen, für andere ein Stück Brot „in Wüstennot“. Gemeinsam sprechen wir zu Beginn: „Der Tag ist seiner Höhe nah, nun halte lauschend still…“

Einige Besucher:innen kenne ich, sie sind oft da, genießen Gemeinschaft, freuen sich über ein günstiges Mittagessen und lassen die Heizung zu Hause aus um Geld zu sparen. Andere sehe ich zum ersten Mal: Die Freundin oder die Vermietung hat sie frisch vor die Tür gesetzt oder sie sind auf der Durchreise nach Berlin oder Hamburg oder sie sind gerade aus dem Gefängnis entlassen worden.

Die Wärmestube steht für sie alle wochentags von 10.00 bis 15.30 Uhr offen, sie ist ein warmer, sicherer Ort. Hier wird man nicht aufgescheucht oder weggeschickt, bekommt keine blöden Kommentare und kann das Handy aufladen. Ausgestattet ist die Wärmestube mit einer Waschmaschine, einem Bad mit Dusche, einem Kleiderlager, einer Musikanlage und einem Fernseher, einer Küche mit Industriegeschirrspüler und Tischtennisschlägern für den Sommer.

Ein paar Eingänge weiter befindet sich die Sozialberatung der Evangelischen Stadtmission Halle. Die beiden Sozialarbeiter beraten bei Verschuldung, drohendem oder tatsächlichem Wohnungsverlust, helfen, Unterlagen zu beantragen oder Formulare auszufüllen, können mit einem Straßenbahn-Ticket oder einem Lebensmittel-Notpaket aushelfen, stellen Postadresse und –fächer für wohnungslose Menschen zur Verfügung oder vermitteln an andere Institutionen. Der Andrang ist enorm, Tendenz steigend. Für den Betrieb der Wärmestube sind sie letztlich auch noch verantwortlich.

tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts) ist der Titel einer aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum Halle. Untertitel: Wohnungslosigkeit und unsicheres Wohnen in Halle. Studierende der Kunsthochschule, Studiengang Kommunikationsdesign/ Schwerpunkt Fotografie haben sich auf die Anfrage von Heiko Wünsch, dem Leiter der Sozialberatung und Wärmestube, intensiv und behutsam mit Betroffenen und Hilfe-Einrichtungen beschäftigt. Das Ergebnis macht deutlich: Das Thema Wohnungslosigkeit gehört nicht in eine dunkle Schmuddelecke, sondern stellt einen Teil des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt Halle dar. Im Begleitheft zu der Ausstellung sagt mein Kollege Heiko: „Wenn wir verstehen, dass jeder Mensch einmal fallen kann, wäre es besser möglich, dass wir in diesen Momenten aufeinander achten, einander die Hand reichen und uns nicht abwenden. Dann entsteht aus Mitgefühl Stärke, aus Gemeinschaft Hoffnung – und aus dem Fallen ein Wiederaufstehen.“ Ein Besuch der Ausstellung ist bis zum 31. Mai 2026 möglich und sehr zu empfehlen.

Menschen, die auf der Strasse leben, sind auf die Solidarität untereinander und auf die Unterstützung von Vorübergehenden angewiesen. Auch die großartigen Angebote des Kälte-Busses „Vier Jahreszeiten“ sind eine große Hilfe. Dennoch ist das Problem zunehmender Wohnungslosigkeit und Verarmung nicht allein durch menschliche Güte und engagierte Wohlfahrtsverbände aufzufangen und zu lösen. Im März 2024 gründete sich im Saal der Evangelischen Stadtmission das Bündnis Wohnungslosigkeit überwinden. Darin arbeiten nicht nur freie Träger und Betroffene mit, sondern auch Wohnungsgesellschaften, das Jobcenter, der Soziale Dienst der Justiz, das Sozialamt und das Haus der Wohnhilfe. Mutige Politiker in Berlin haben vor ein paar Jahren das Ziel ausgegeben, dass es im Jahr 2030 in Deutschland keine wohnungslosen Menschen mehr geben soll. Das Bündnis sucht nach Strategien, strukturellen Verbesserungen und einer wirkungsvolleren Zusammenarbeit von Akteuren, um sich diesem Ziel zumindest etwas anzunähern.

In jedem Fall braucht es die Wärmestube im Steinweg noch ein paar Jahre als sicheren Zufluchtsort, als Raum, der Gemeinschaft ermöglicht und allen Gästen gleichermaßen Würde verleiht. Die Arbeit der Wärmestube kann gerne durch Sachspenden unterstützt werden.

Am Ende des Mittagsgebetes segne ich alle Anwesenden. Ein würdevoller Blick auf die Menschen ohne Zuhause, Interesse an der Ausstellung oder eine Notiz auf dem Einkaufszettel lassen Gottes Segen spürbar werden.

Michaela Herrmann