Gerade wird mit Hinweis auf die Neutralität sehr darauf hingewiesen, dass die Kirchen sich auf ihre Kernkompetenz beschränken sollen. Als da wären: Liturgie, Koinonia, Diakonie und Katechese. Wir sollen beten und arbeiten und uns aus der Politik heraushalten. Das hätten viele bis zur Bundestagspräsidentin gerne so.

Laut Artikel 32 der Landesverfassung sind Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften vom Staat getrennt. So lautet Absatz 1, doch der 2. folgt sogleich. Darin steht, dass das Recht, zu öffentlichen Angelegenheiten Stellung zu beziehen, gewährleistet wird. Nach meinem Verständnis darf Kirche also gar nicht schweigen, wenn es um so grundlegende Werte wie Freiheit, Menschenwürde und Minderheitenschutz geht. Dafür leisten wir in unserem kirchlichen Rahmen sowieso Fürbitte und Fürsorge, aber es kann gegebenenfalls notwendig sein, Fürsprache einzulegen. Dieses Recht ist uns zugestanden und verletzt in dieser Form in keiner Weise das Gebot der Neutralität.

Friedrich Naumann, 1860 in Störmthal, ca 50 km von Halle, geboren, mahnt als Theologe die Christen, sich nicht als Dorf- oder Stadtweise zu betragen. Störmthal hat heute 64 Einwohner, Leipzig damals schon viel mehr. In Fragen der Infrastruktur, der Ökonomie oder der Technologie sind wir nicht schlauer als diejenigen, bei denen wir uns belesen haben. Als liberaler Politiker, dessen Haltung sich u.a. im Rauhen Haus in Hamburg gebildet hat, bezog Naumann allerdings Stellung zur sozialen Frage als öffentlicher Angelegenheit, um der Arbeiterbewegung Rückhalt zu geben.

Es gibt in der Geschichte immer wieder Veränderungen, die von einigen Menschen als Chance und von anderen als Unglück erlebt werden. Da hilft Kirche durch diakonische Unterstützung. Wenn allerdings Grenzen der Menschlichkeit betreten oder überschritten werden, dann hilft nicht mehr nur die Fürsorge und Fürbitte, dann muss Kirche für die Benachteiligten und Missachteten sprechen und nach Bonhoeffer sogar schreien. Und diejenigen, die im Sinne eines „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ diese mit Hinweis auf die Neutralität zurückweisen, wissen genau, warum sie das tun. Leider hat Kirche sich oft näher zur Macht und nicht zu den Menschen gestellt. Das aber verrät ihre Mission, Salz der Erde zu sein.

Ralf Döbbeling

Auftrag von Kirche ist, das Evangelium verkünden, so wie es Jesus getan hat. Er war in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. So auch wir. Wir kommen als Gemeinde zusammen, um dieses Wort zu hören und weiter zu sagen. Weitersagen, indem wir nicht an der Vergangenheit des gesprochenen Wortes zu Jesu Zeiten kleben, sondern es weiter in unsere Zeit hineinsagen, fortführen und übersetzen.

In seiner Lebendigkeit ist dieses Wort politisch, weil es in die Polis, also in die Stadt und auch ins Land, in das Gemeinwohl hineinwirken will. Aber es kann seine Wirkung nur entfalten, wenn es selbst nicht von der Welt ist, in die es hineinwirken soll. So ist es gleichzeitig unpolitisch.

Kirche ist in der Welt, aber nicht Teil dieser Welt. Genauso wie Jesus in dieser Welt lebte und seine Botschaft in ihr verkündete, aber nicht in ihr aufgegangen ist. Kirche verliert ihre Sprengkraft, wenn sie sich gleich macht mit den Strukturen und Arbeitsweisen und Denkmustern dieser Welt. Es bleibt die Aufgabe, Anwalt und Stimme derer zu sein, die in Parteiprogrammen und politischen Entscheidungen hinten runterfallen und nicht gehört werden. Bei denen zu sein, die in Strukturen von Verwaltungen und gesetzlichen Bestimmungen aufgerieben werden. Um der Menschen willen ist der Platz von Kirche, außerhalb dieser Regularien zu agieren.

Es ist nicht Aufgabe von Kirche, Parteiarbeit zu machen. Aber es ist ihre Aufgabe, in die Parteien hineinzuwirken. Indem sie den Finger in politische Entscheidungen und Verwaltungshandeln legt, wenn dadurch Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten weiter verstärkt werden. Indem sie mahnt, wenn Parteien Programme aufstellen, in denen die Würde des Menschen keine Beachtung findet. Indem sie anders umgeht als die Welt mit Personal, Gebäuden oder Geld: Als Kirche in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt.

Reinhard Grohmann