Wenn das Jahr eine Zeit des Ausgleichs bräuchte, dann wäre es der Sommer. Im Frühling ist das Jahr mit der Blüte, im Herbst mit der Ernte und im Winter mit dem Fegen der Fluren und dem Klirren mit Eis und Schnee beschäftigt. Im Sommer wartet das Jahr auf seine Reife. Ich weiss nicht, ob es um Balance bemüht ist. Ich bin kein Physiker.

Ich beobachte aber an den Menschen, dass sie versuchen im Sommer ihren Ausgleich zu finden. Im Sommer sind die großen Ferien. Für einige ist es die Zeit der Latenz, bevor es auf einer anderen Schule oder an einem anderem Studienort weitergeht. Für den Sommer haben wir Bilder von Sonne, Strand und Meer im Kopf. Wir planen zu reisen und die Seele baumeln zu lassen. Entspannung und neue Anfänge sind überhaupt die großen Themen unseres Lebens. Wir freuen uns über Routine, aber immer wieder suchen wir auch die Spannung in der neuen Herausforderung. Manchmal sind wir dabei ratlos, wann das eine und wann das andere dran ist.

Gott hat ein Versprechen gegeben. Seine sinnstiftenden Worte sind ja die Verheißungen. Solche wie diese: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht (1. Mose 8, Vers 22). Das klingt wie ein Kommen und Gehen einer Welle. Eine Balance von Innovation und Tradition. Alles hat seine Ordnung. Nur dass wir es nicht spüren und manchmal nicht mal glauben können. Dann wird selbst der Sommer von der Jahreszeit zur Jahres-keine-Zeit. Keine Zeit zum Spiel, zum Reden und Hören, zum Müßiggang, zum Wandern und Fahren, zum Sonnen und Spüren des warmen Windes. Das innere Reservoir an reifen Bildern aufzufüllen.

Das ist schade, denn die Fernreise im Winter ersetzt den Sommer vermutlich nicht. Den Sommer muss man genießen, wenn er da ist. Er kommt nicht wieder, zumindest dieser nicht. Ich sehne mich nach diesem Vertrauen, dass Sommer und Winter kommen und gehen und Säen und Ernten nicht aufhören wird. Denn was ändern meine Sorgen schon? Durch einen Hamsterkauf von Sonnencreme mit Sonnenschutzfaktor 50+ beinflusse ich den Sommer nicht. Das wäre lediglich abergläubisch. Gott schafft und erhält und ich darf seiner Güte vertrauen. Er lässt den Sommer werden. Er kann dem Wechsel von Spannung und Entspannung in meinem Leben eine Balance geben. Er kann meine Angst bannen, wenn der Erhaltungstrieb rät zu sorgen. Hektisch zu wirken und nicht zur Ruhe zu kommen, ist dagegen leichtsinnig und auch ein bisschen überheblich. So bitte ich Gott um Gelassenheit und Vertrauen so wie schon Paul Gerhardt: “Gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe.”

Und höre nicht auf, den Sommer zu erwarten.

Pfarrer Ralf Döbbeling