„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (Psalm 119,105)
Schon seit Jahren erhalte ich den Informationsbrief der evangelischen Karmelmission. Ich lese ihn sehr gern. Es wird sehr lebensnah und konkret über das Leben und die Arbeit von Christen in Ländern mit islamischer Kultur berichtet. Nach dem jeweiligen Bericht aus einem Land wird dann ein Stichwort angegeben, unter dem man für die Nöte und den Bedarf der Menschen spenden kann. Wenn ein solcher Brief ankommt, lege ich ihn mir meist auf den Nachttisch neben meinem Bett. In Ruhe studiere ich ihn dann am Abend oder am Morgen, wenn die Tagespflichten nicht stören.
So war es auch am Morgen des 2. August. Da las ich von einem Notanruf, der bei den Mitarbeitern der Karmelmission in Deutschland eingegangen war. Der Anruf kam aus Baku in Aserbeidschan. Zwei Familienväter waren am 19. Juli früh am Morgen kurz nacheinander aus ihren Wohnungen herausgeklingelt und sofort von einer ganzen Anzahl von Männern geschlagen und bedroht worden. Nur dem beherzten Auftreten von Mitbewohnern des Hauses war es zu verdanken, dass nichts Schlimmeres geschah. Im Abgehen bedrohten die Angreifer die beiden Familienväter mit den Worten: „Wir bringen euch auf alle Fälle um!“ Die angerufene Polizei erschien gar nicht erst.
Was ist der Hintergrund dieses Ereignisses? Einer der beiden Bedrohten berichtete im vorigen Jahr auf dem Jahresfest der Karmelmission, dass er die Übersetzung des Neuen Testaments in die Sprache der Aseri abgeschlossen hatte und den Druck und die Verbreitung der Übersetzung in Aserbaidschan vorbereite. Der andere ist ein bekannter Musiker und Liederdichter. Da die Aseri ein musikliebendes Volk sind, hat er schon zahlreiche Lieder mit christlichen Texten komponiert, die gern von der Jugend gesungen werden.
Nun haben Freunde dieser beiden Familien zwei kleine Wohnungen weit von Baku entfernt beschafft, damit sie erst einmal untertauchen und unbeschadet ihre Leben fortsetzen können. Für dieses Anliegen wurde nun unter dem Stichwort „Aserbaidschan“ um Spenden gebeten.
Sofort fiel mir ein, dass ich am Freitag zuvor auf dem Bankauszug unseres Kontos entdeckt hatte, dass das Geld von der Kontoauflösung meines verstorbenen Vaters eingetroffen war. Also könnte ich doch sofort einen Betrag überweisen. Andererseits lag die Rechnung für seine Beerdigung über einen nicht geringen Betrag und wartete auf Bezahlung. Außerdem war klar, dass ich die Hälfte der eingegangenen Summe an meinen Bruder überweisen sollte. Und zum dritten stand noch ein Schuldbetrag offen für eine Weiterbildung, die ich absolviert hatte und bisher nicht bezahlen konnte. Die Schuldner hatten große Geduld mit mir bewiesen und warteten immer noch auf Bezahlung.
So seufzte ich und verwarf den Gedanken, etwas für die Brüder in Aserbaidschan zu überweisen. Außerdem, so tröstete ich mich in Gedanken: Die Karmelmission hat ihren Sitz in Deutschland in der Nähe von Stuttgart. Da wohnen reichere Leute. Sie werden das Geld zur Hilfe schon zusammen bekommen. So erhob ich mich, um in den Tag zu gehen. Doch ich wollte erst noch die Losung lesen, Gottes Wort für den Tag, so wie es ein frommer Mensch am Morgen tut. Auf dem Bettrand sitzend schlug ich also das Losungsbüchlein auf und las für diesen Tag folgende Losung: „Ich gebiete dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist.“ (5.Mose 15,11)
Als ich den Überweisungsschein in den Briefkastenschlitz meiner Bank warf, empfand ich eine große Freude, helfen zu dürfen. Und ich empfand eine große Erleichterung, endlich vom Kopfrechnen und dem „Wenn und Aber“ durch Gottes Wort befreit zu sein.
Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für das Erntedankfest und den Herbst
Ihr Pfr. R. Katzmann