Großzügigkeit, Schönheit, Vielfalt und Weite suchen und finden Menschen in der Natur. Oft wird ihre Qualität als Gegensatz zur Enge und Nützlichkeit von menschlichen Bauten und Siedlungen hervorgehoben. Das lautet dann verkürzt: was ich drinnen in der Stadt vergeblich suche, finde ich draußen in der Natur. Dabei gibt es solche Qualität und Verschwendung auch in unserer direkten Umgebung. Zugegeben könnte es mehr davon sein.
Mich begeistern immer wieder weite und schöne Räume. Mich laden beispielsweise Bahnhofshallen, Brücken, Kirchen und Stadien zum Verweilen ein. Ihre verschwenderische Großzügigkeit erfreuen mich.
Dagegen fallen viele Dinge in unserer Umgebung ab. Sie sind nützlich und funktional, aber sie inspirieren nicht. Man könnte sie ideenlos nennen. Als wenn ein Designer sagte: reicht doch! Mehr Mühe lohnt sich nicht. Hauptsache das Messer schneidet, die Jacke wärmt, die Brücke trägt. Und die Architektin einstimmt: Hauptsache das Dach ist dicht und das Haus fällt nicht ein.
Nicht doch! Ich wünsche mir mehr sprühenden Geist und mehr großzügige Ideenfreude. Dagegen entsetzt der Anblick eines Wohnhauses das wie ein übergroßes Regal für Wohnkartons aussieht. Ihm fehlt Neugier und Würde. Die Würdigung und Achtung des Sozialen. Wir wundern uns, wenn Menschen einander kühl und abschätzend begegnen. Sie antworten damit auf den Kontext, der sie wie ein steinernes Wort umgibt. Die Liebe zum Menschen knausert nicht und und hört nicht eher auf zu suchen, bis sie die volle schöpferische Großzügigkeit gefunden hat.
Am Anfang der Welt heißt es von Gott, dass er sein Schöpferwerk noch einmal betrachtet hat. Von Selbstgefälligkeit oder Eigenlob ist keine Spur. Es heißt lediglich: er sah, dass es gut war. Er war ästhetisch und funktional mit dem, was er geschaffen hatte, einverstanden. Es war nicht kleinlich eng gefasst. Wir staunen immer noch darüber. Die Kathedrale einer Buche oder die fliegende Leichtigkeit der Frucht eines Löwenzahns, der von der Pusteblume sich erhebt und freien Raum besiedelt. Sie symbolisieren Weite.
Wenn man nun vom Anfang der Bibel zu ihrem Ende springt und schaut, wie es wieder werden soll, so liest man: Siehe, ich mache alles neu! Es wird nicht repariert und restauriert, sondern es wird neu. Es wird wieder gut sein.
Ich finde, dass das schon der Qualitätsanspruch sein sollte, den wir anlegen. Wir sollten wieder selbstloser, großzügiger und verschwenderischer werden. Und wir sollten vor allem im Sozialen damit anfangen und bei allem, was dem sozialen Miteinander dient. Also Begegnungen und Gastfreundschaft liebevoll gestalten und auch Gemeindehäuser, Schulen und Spielplätze nicht kleinlich, sondern weiträumig planen. Angst und Missgunst schaffen Enge, aber Liebe gönnt und schafft weite Räume, gibt Freiraum zu leben.
Ralf Döbbeling
