Foto: Jörg Lipskoch

Ich möchte über die Ewigkeit schreiben und mir stehen dafür unendliche 2700 Zeichen zur Verfügung. Sie werden sagen: Willkommen im Club. Denn uns allen stehen für die Beantwortung der großen Fragen nur eine begrenzte Anzahl von Jahren zur Verfügung.

Uns sei die Ewigkeit ins Herz gelegt, behauptet der Prediger im hebräischen Teil unserer Bibel. Doch was nützt uns das, um von der Ahnung zur Gewissheit zu kommen? Angesichts der ganzen Eitelkeit, Ungerechtigkeit und Vergänglichkeit, die die jetzige Zeit begrenzen und bestimmen, ist das ein relativ winziger Trost für ein Leben. Die Ewigkeit scheint uns nicht nur die große Verheißung auf einen Ausgleich oder gar eine Erfüllung für das kurze irdische Dasein zu sein, sondern sie ist zugleich in fragende Skepsis gehüllt.

Wie stellen wir uns die Ewigkeit vor? Sie könnte die Fortsetzung des jetzt Begrenzten in der Unendlichkeit sein. Das wünschen wir uns nicht, oder?! Da wird es dieselben Phasen der Langeweile und des Überdrusses geben wie schon jetzt. Wir genießen das Jetzt nicht nur, sondern leiden auch oft daran. Es müsste sich in Ewigkeit auch einiges ändern.

Es könnte, zweiter Versuch, ein Ruhen sein, ein Eingefroren sein, bis ein besseres Morgen durch die Entwicklung der Menschheitsgeschichte entstünde. Da habe ich ehrlich gesagt, wenig Hoffnung, dass mich die Forschung jemals wieder auftaute.

Dann könnte es sein, dass es vielleicht gar kein zukünftiges Leben wäre, sondern ein momentanes. Ein ewiges Leben vor dem Tod. Ewigkeit in der Zeit. Das wäre dann Definitionssache: Wie Hölderlin bescheiden und glücklich sagt, dass er mehr nicht erwartet, als dass er einmal den richtigen Ton getroffen und das heilige Lied gesungen habe. Die Ewigkeit ist somit im Nu wieder vorbei. Genügsam bliebe Zeit für vieles andere. Wir müssen zufrieden sein, solche Momente genossen zu haben, stimmen viele dem Dichter zu.

Ich glaube, dass die Ewigkeit als Ahnung nicht nur im November, wenn so viel über Dunkel und Tod getrauert wird, ein starkes Gegengewicht darstellt. Sie ist mir nicht nur in zeitlicher Hinsicht Trost und Verheißung, sondern sie stellt in Aussicht, dass die vergänglichen und unvollkommenen Dinge des Lebens noch fertig werden. Während ich mich jetzt wie in einem blinden Spiegel sehe, werde ich in Ewigkeit in ein klares Bild meiner selbst verwandelt werden. Die roten Fäden werden letztlich doch verknüpft.

Und so wird auch die erschreckend unvollkommene Welt in Ewigkeit noch einmal neu. Die Ewigkeit hat auch in meinem Herzen diese Dynamik zu einem schöneren Bild des jetzigen Zustands. Und von dem wird die große Qualitätskontrolle wieder sagen: Was ich sehe, ist sehr gut! Bis dahin ist es noch weit, aber ich habe schon 33 Zeichen zu viel!

Ralf Döbbeling