Der Advent ist die Zeit im Kirchenjahr, die in der Suche nach dem Grund unserer Fragen tiefer führt, uns zum Grund unserer Hoffnung leitet. Zu der Aussicht, dass Gott kommen wird, um den Menschen zu begegnen und sie zu erlösen. Der Advent erinnert an das Versprechen, dass Gott jetzt und überall bei uns ist. Der aber auch die Spannung erzeugt, zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir hoffen. Denn Bilder von Brandstiftung, unerwartet nahem Terror und der Vereinsamung in der Gesellschaft sind stark. Sie nagen an unserer Zuversicht. Manchem fressen sie die Kraft direkt aus der Seele.

Wir erleben den Advent als Zeit der Vorbereitung. Ein großes Fest erwartet uns und wird für die Lieben vorbereitet. Der Advent wird aber nichtsdestoweniger genau deshalb als eine kritische Zeit erlebt. Auf der einen Seite warten Christen ständig auf Zeichen Gottes. Warten ist jedoch ein riskantes Unterfangen. Leicht fangen wir an zu glauben, dass wir uns irren. Zweifeln, dass Gott kommen wird.

Wenn wir auf etwas warten – eine Tram, den Brief eines Freundes – warten wir erwartungsvoll. Wir leben in der Schwebe. Sind noch nicht im Land der Erfüllung gelandet. Unserer Hoffnung kann etwas zustoßen. Minuten, Stunden, Tage vergehen. Manchmal sogar noch mehr Zeit. Und es wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher, dass noch etwas eintritt und die Erfüllung kommt.

Wann setzt sich der Freund neben das Mädchen? Hat er vielleicht geschrieben, dass er sich verspätet, weil er die Tram verpasst hat? Ist er am falschen Ort? Hat sie die Zeit falsch verstanden? Wo bleibt er nur?

Eine Hoffnung darf nicht immer Hoffnung bleiben. Eine Hoffnung ist nur Wert der Hoffnung, wenn sie eintritt. Was aber, wenn aber das erhoffte Ergebnis nicht eintritt? Der Freund das Mädchen versetzt. Sich windet, er habe in der Aufregung den falschen Bus genommen. Könnte zumindest sein, wie unwahrscheinlich es auch ist.

Es kann sein, dass die Erfüllung anders aussieht als die Aussicht darauf. So wie Erwartungen nicht mit dem erfüllt werden, was wir wünschen, sondern was wir brauchen. In der Weihnachtsgeschichte ist es ja auch so, dass man den Verdacht behält, Gott habe den falschen Bus genommen und sei verfrüht in Bethlehem ausgestiegen, wo die Häuser dunkel sind, am Rande der Welt, bevor er noch in der glänzenden Metropole Jerusalem angekommen ist. Wir versuchen ihn wieder zurückzulotsen und schwärmen vom süßen Jesuskind. Doch Fakt ist, dass Gott sich nicht im Schein seiner Heiligkeit sonnt, sondern die (gott-)verlassenen Orte zum Glänzen bringt.

Wird Gott jemals auftauchen? Wie konnte Gott uns vergessen? Wir warten ungeduldig. Die Erwartungen gehen schwanger mit neuen Möglichkeiten. Die Geschichte von Gott und den Menschen liest sich wie eine fortgesetzte Geschichte von Enttäuschungen, die beim Lesen gerade deshalb glücklich macht.

Ralf Döbbeling