Eine Wartehalle an einer mehrspurigen Straße. Es fahren auch heute noch Omnibusse fahrplanmäßig die Station an. Doch der meiste Verkehr rauscht in privaten Autos an der Haltestelle vorbei. Die früheren Fahrgäste sitzen mittlerweile allein in ihren fahrbaren Kisten und steuern direkt ihre individuellen Ziele an.
Warten ist nicht zeitgemäß. Haltestellen werden vermieden. Aufbrechen und Ankommen nach Fahrplan wird vermieden. Es löst ein unbehagliches Gefühl von Abhängigkeit aus. Der Zustand von Bushaltehäuschen und Wartehallen bilden diese Haltung unnachahmlich ab. Sie sind out of date und oft heruntergekommen, teils zerstört und mit vergilbten Plakaten vergangener Events beklebt. Diese und andere Ziele werden besser und schneller auf anderem Wege erreicht. Diese Wartehalle hält sich, vor allem weil sie über den Standort hinaus zu einem Treffpunkt für Menschen geworden ist, die gar nicht auf einen Bus warten.
Warten war vermutlich noch nie beliebt, dabei besteht vieles in unserem Leben daraus. Warten auf den nächsten Kindergeburtstag, Warten auf die letzten warmen Sonnentage für den Wein, Warten auf das Untersuchungsergebnis, Warten auf den Besuch, der sagt, er kommt. Vieles fühlt sich an wie Warten auf Godot. „Er hat gesagt: Er kommt.“ Wir können vieles sowieso nicht beschleunigen, egal ob wir mit dem öffentlichen Nahverkehr oder mit dem PKW unterwegs sind.
Ein schweres Verbum ist das Wörtchen „warten“, aber sind es vielleicht nicht nur notgedrungen Wartende, wie wir sie in Wartezimmern treffen, sondern auch solche, die ahnen, dass nicht alles erreichbar ist, nur indem man rechtzeitig und schnell losfährt? Warten fällt schwer, dabei trägt es Früchte. Und gelangen vielleicht nur manche Menschen an ein ersehntes Ziel, weil sie gelernt haben zu warten? Sie beherrschen die Kunst zu erwarten, was sie nicht beschleunigen können.
Wir haben uns daran gewöhnt, uns Wünsche schnell zu erfüllen. Uns wird suggeriert, alles sei erreichbar. Ämter, Bibliotheken, Geschäfte sind ständig geöffnet und liefern unmittelbar. Doch auf Freude, Gelassenheit und die Entdeckung des Wesentlichen warten wir. Warten lohnt sich, weil sich nicht alles auf Wunsch einstellt. Advent heißt Ankunft. Es ist eine Zeit der Vorbereitung auf das Erwartete. Liefert er, der Advent? Die Adventszeit schließt direkt an den Volkstrauertag und den Totensonntag an. Es ist nicht alles anders, manches bleibt traurig. Im Advent werden wir sehnsüchtigen, vorfreudigen und zermürbenden Momenten des Wartens begegnen. „Haltestelle Advent“ im Umgang mit uns selbst.
Wir sind eben Menschen auf dem Weg irgendwo zwischen Schöpfung und Ewigkeit. Manches ist sofort verfügbar und auf manches, so merken wir, während wir innehalten, werden wir warten müssen.
Ralf Döbbeling
