Bettina und Markus Kosewähr gehen seit etwa einem Jahr regelmäßig zur Abendkirche. Im Interview erzählen sie von ihren Erfahrungen.

Was passiert typischerweise bei der Abendkirche?

Markus: „Typischerweise“ gibt es bei der Abendkirche nicht. Wir haben immer wieder Auswertungstreffen und überlegen dann, was gut war und was in eine andere Richtung gehen könnte. Gute Erfahrungen haben wir mit dem Abendgebet gemacht, einem liturgischen Gebet im Wechsel. Manchmal gibt es dazu Lieder, manchmal aber auch nicht. Bewusst haben wir zwei Elemente aus dem Morgen-Gottesdienst dabei: Den Wochenpsalm und das Evangelium. Es ist uns wichtig, dass es Verbindendes gibt.

Bettina: Ein immer wiederkehrendes Element ist das gemeinsame Essen. Am Anfang war es so, dass wir mit dem Essen begonnen haben. Wir hatten aber den Eindruck, dass das manche Besucher herausgefordert hat, weil da schon ganz viel soziale Interaktion passiert. Jetzt ist es umgekehrt: Wir starten mit dem Abendgebet im Stuhlkreis und im Anschluss essen wir. Manchmal besprechen wir dann auch noch einen Impuls aus dem Abendgebet und versuchen, uns persönlich auszutauschen. Es ist für uns wichtig, dass wir ein Ort sind, wo wir füreinander beten und einander an Herausforderungen teilhaben lassen können.

Was ist für euch der wichtigste Unterschied zwischen der Abendkirche und einem Hauskreis?

Markus: Ein Hauskreis hat einen festen Kern, die Fluktuation ist viel niedriger. Und die Abendkirche ist sehr offen: Alle, die kommen möchten, sind willkommen, es gibt aktuell nur einen relativ kleinen festen Kern.

Bettina: Die Abendkirche soll wachsen und es ist erwünscht, dass man Menschen mitbringt.

Wie viele Menschen kommen zur Abendkirche?

Markus: Es wechselt stark. Wir waren schonmal über 20 Personen, letztes Mal waren wir zu fünft. Aber es waren auch noch Semesterferien, vielleicht waren viele Studierende nicht in Halle.

Sind Studierende oder junge Erwachsene die eigentliche Zielgruppe der Abendkirche?

Bettina: Eine bestimmte Zielgruppe haben wir nicht, es ist wirklich die ganze Gemeinde. Ich finde es am schönsten, wenn da alle Generationen sind. Zur Abendkirche kommen auch Familien mit kleinen oder größeren Kindern.

Was zieht euch am meisten an der Abendkirche an?

Markus: Für mich ist es der familiäre Rahmen. Ich komme nicht aus der traditionellen Kirchenumgebung: Meine Eltern waren entkirchlicht und meine ersten Kontakte waren in einem freikirchlichem Umfeld. Einen Gottesdienst in einem Kirchengebäude empfinde ich oft als distanziert. Da kommt es mir entgegen, dass die Abendkirche häufig Gemeindehaus stattfindet.

Mir gefällt es auch sehr, dass ich die Möglichkeit habe, die Abendkirche mitzuprägen. Und die Beziehungspflege untereinander ist direkt verknüpft mit dem, was wir im Abendgebet erleben – es ist nicht so stark getrennt, wie ich Morgengottesdienst und Kirchencafé empfinde.

Bettina: Die Abendkirche ist für uns ein Ort, wo wir uns einbringen können: kulinarisch oder mit einem Input oder Worship. Sonntags in den Gottesdienst zu gehen bedeutet für mich nie: Ich setze mich mal hin und bekomme etwas. Natürlich wünsche ich mir auch eine Gottesbegegnung, aber ich habe nicht so sehr den Konsumgedanken. Als wir von der Abendkirche gelesen haben, hat sich für uns eine Tür geöffnet.

Wie passt die Abendkirche in eure Gottesdienst-Biografie?

Bettina: Ich komme aus Weimar aus einer sehr normalen lutherisch-evangelischen Kirche. Zehn Jahre habe ich in den Niederlanden gelebt und war dort in der reformierten Kirche. In der Schweiz habe ich in der Vineyard Bern mein Zuhause gefunden. Das ist eine Laienbewegung innerhalb der reformierten Landeskirche in der Schweiz im Kanton Bern, aber es fühlt sich an wie eine Freikirche: sehr charismatisch, aber nicht abgehoben. Im Gottesdienst gibt es eine Predigt, aber auch viel Unerwartetes und Kreatives, etwa Tänze. Und das Gebet für den Nächsten ist ganz zentral.

Markus: Vineyard Bern ist meine Heimatgemeinde und wir haben mit der Gemeindeleitung in verschiedenen Ländern Kirchen auf fast allen Kontinenten besucht. Dort haben wir bewusst geschaut: Wie werden dort Gottesdienste gestaltet? Da habe ich ein sehr breites Spektrum erlebt.

Für mich entspricht die Abendkirche meinem persönlichen Verständnis von Kirche: Die findet dort statt, wo sich Menschen treffen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Zielgruppenorientierung gut ist oder nicht. Meiner Erfahrung nach versuchen Kirchen dann, sich gegenüber andere abzuheben. Und das führt schnell in die Falle: Wir sind besser als die anderen. Das habe ich im Ansatz immer als sehr verletzend empfunden. Denn für mich sind Kirche wir alle: Egal, ob wir jetzt in die Bartholomäuskirche gehen oder in eine Freikirche oder nur in einem Hauskreis sind. Dort, wo sich Menschen treffen und Jesus und seine Gemeinschaft im Zentrum stehen, das ist Kirche für mich. Deshalb ist es mir unglaublich wichtig, dass wir in der Landeskirche sind. Man kann Kirche nur mitgestalten, wenn man mitten drin ist, sich mit dem einbringt, was man hat.

Seht ihr die Abendkirche als Alternative zum Morgengottesdienst? Und ist das etwas Trennendes für die Gemeinde?

Markus: Ich gehe auch gerne in den Morgengottesdienst. Deshalb würde ich eher sagen: Die Abendkirche ist eine Ergänzung für Menschen, die den Sonntag noch auf eine andere Art ausklingen lassen wollen.

Bettina: In der Vineyard Bern hatten wir sonntags drei Gottesdienste. Und ich habe das immer als eine große Gemeinde empfunden, nie trennend, sondern ergänzend.

Markus: Wir haben aber auch überlegt: Was verbindet uns? Wodurch können wir sagen, es sind nicht drei Gemeinden, sondern eine Gemeinde, die zu drei verschiedenen Zeiten und mit etwas anderen Elementen Gottesdienst feiert?

Wie habt ihr diese Frage in Bern beantwortet?

Markus: Wir haben uns in allen Gottesdiensten auf die Frage ausgerichtet: Was bewegt das Land, unsere Umgebung? Manchmal hat auch die gleiche Person in allen drei Gottesdiensten gepredigt. Und unsere Bands haben eigene Lieder geschrieben, die in allen Gottesdiensten gesungen wurden. Letztlich waren die Werte verbindend: Die Gemeinde lebt Barmherzigkeit in die Welt hinaus. Das war in allen drei Gottesdiensten sichtbar.

Bettina: Es gab auch andere verbindende Elemente, etwa Feste, die Kirchenzeitung „Erlebt“ oder die Social-Media-Kanäle, in denen alle vorkamen, oder große Freizeiten. Das hat mir total geholfen, uns als eine Gemeinde zu erleben.

Gäbe es für Bartholomäus ein Element, das der Morgengottesdienst aufgreifen könnte, um sich stärker mit der Abendkirche zu verbinden?

Markus: Ich fände es spannend, wenn sich der Einzelne wie bei der Abendkirche auch im Morgengottesdienst mehr einbringen könnte. In meiner Zeit bei Vineyard Bern hatten wir zum Beispiel immer wieder im Gottesdienst eine offene Gebetszeit. Ich weiß aber auch, dass sich manche Menschen dabei gehemmt fühlen und es dann doch immer wieder nur die gleichen sind, die beten. Für Bartholomäus weiß ich nicht, ob das Thema jetzt gerade dran ist.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Abendkirche?

Bettina: Ich würde mir sehr wünschen, dass es eine bunte altersgemischte Gruppe wird, gerne auch mit noch mehr älteren Menschen. Und dass wir eine stimmige Form finden, die persönlich ist, ohne Menschen zu nahe zu treten: eine sichere Atmosphäre, in die man gerne kommt.

Die Fragen stellte Iris Hinneburg.