24. Nov. 2021 | Allgemein, Angedacht
„Macht hoch die Tür“ – so singen wir zu Beginn des Advents. „Macht euch bereit!“ meint das. Jesus kommt in die Welt und er kommt zu dir. Öffnet ihm die Tür! Öffnet ihm euer Herz! „Macht hoch die Tür!“
Aber welche Tür macht man eigentlich „hoch“? Ich muss da unweigerlich an Garagentore denken. Die werden oft hochgezogen. „Mach mal das Tor hoch!“ Und so fern liegt die Verbindung nicht. Für manche beginnt dahinter das Allerheiligste. Dort steht es in der Garage, das „Heilig‘s Blechle“. So heißt es bei unseren schwäbischen Freunden zwar scherzhaft, aber da ist auch schon vielerorts Ernst dabei im Autoland Deutschland.
Ob nun Garagentor, Haus-, Schuppen- oder Zimmertür: Man schließt sie, damit Draußen draußen bleibt. Unter hinter der Tür da beginnt Drinnen, da beginnt das Eigentliche. Dort bist du Du. Da hast du es dir eingerichtet und schön gemacht. Da sind die Sachen, die dir wichtig sind. Da hast du deinen Platz. Drinnen, da zeigst du, wer du bist. Da weinst du, da lachst du, da trauerst du, da streitest du. Da sind die Menschen, die dir wichtig sind. Vielleicht legst du beim Reinkommen deine Maske ab. Hier musst du dich nicht verstellen. Hier bist du ganz du selbst. Hier läufst du in Jogginghose rum. Hier wird auch mal gekrümelt. Du räumst vielleicht nicht immer sofort auf, aber vielleicht hat hier auch alles seine Ordnung. Da weißt du, wo was liegt, oder wo es zumindest ungefähr sein müsste.
Hier herein lädst du nicht jeden ein, deine Freunde und Freundinnen aber bestimmt schon. Hier ist auch nicht immer alles perfekt und vorzeigbar. Da legst du die Füße vielleicht auch mal auf den Wohnzimmertisch. Da geht mal eine Zimmerpflanze ein. Da plünderst du abends vielleicht doch nochmal die Schokoladenvorräte. Da kriegt der Fußboden Kratzer und die Wand auch mal einen Fleck. Da hinterlässt du deine Spuren und da bewahrst du deine Erinnerungen auf. Da haben die Möbel eine Geschichte und die Bilder an der Wand erzählen von dir. Da wohnst du, da lebst du, da bist du zu Hause.
Und da will Jesus hinkommen. In dein Leben, in dein zu Hause, in dein Herz. Und ihm ist es egal, ob du aufgeräumt oder abgewaschen hast. Er braucht kein Gästezimmer und keine Doppelgarage, kein neues Bettzeug und du musst ihm auch keine Handtücher hinlegen. Wenn Jesus damals in einem Stall zur Welt kam, dann würde er heute wohl auch mit einer gammligen, vollgesprayten Hinterhofgarage Vorlieb nehmen. Ihm ist nur wichtig, dass du da bist. Er freut sich auf dich, so wie du bist.
Ich wünsch dir für diesen Advent Zeit zum Vorbereiten – denn Jesus kommt. Ich wünsche dir Ruhe zum Hören: Wo klopft er an? Und ich wünsche dir Freude beim Hoch- oder Aufmachen der Tür.
Einen gesegneten Advent wünscht
Ihr / euer Jakob Haferland
17. Nov. 2021 | Allgemein, Angedacht
„Wir werden nicht nackt dastehen, wenn wir einmal unser Zelt in dieser Welt verlassen müssen.“ (Basis Bibel)
Mein Großvater war Maurermeister. Er verstand etwas von Häusern und wie man sie baut.
Meine Großmutter war Schneiderin. Sie verstand etwas von Kleidung und wie man sie näht.
Mörtel fügt die Steine zusammen. Zum Sockel. Zur Mauer. Zum Haus.
Fäden fügen die Stoffe zusammen. Zu Bahnen. Zu Hälften. Zum Kleid.
Mit Maurerkelle und Wasser und Zement hat er Hand angelegt.
Mit Schere und Nadel und Faden hat sie Hand angelegt.
Ich war ihm dankbar. Ich konnte sicher wohnen.
Ich war ihr dankbar. Ich konnte warm leben.
Er ist umgezogen. Vor zwanzig Jahren. Die weißen Rosen auf seinem Grab waren steif gefroren vom Frost. Statik bis zum Schluss. Nun wohnt er bei Gott dem Baumeister der Welt.
Sie ist umgezogen. Vor sechs Jahren. Die roten Rosen auf ihrem Sarg umspielten sie wie ein Kleid. Dynamik bis zum Schluss. Nun lebt sie bei Gott. Dem Schneidermeister des Himmels.
Dorothea Vogel
(Kloster Drübeck, Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 14.11.2021)
06. Okt. 2021 | Allgemein, Angedacht
Die folgenden Gedanken stammen aus einer Predigt zum Erntedank-Sonntag, die Dorothea Vogel in Gemeinden im Kirchenkreis gehalten hat und uns freundlicherweise für den Newsletter zur Verfügung stellt.
Im 2. Korintherbrief Kapitel 9 Vers 6 heißt es: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“
Der Vers spricht zum einen von der Landwirtschaft. Dort gibt es Aussaat, Ernte und Missernte. Zum anderen spricht er von der Gesellschaft. Auch dort gibt es Saat und Ernte. „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, sagt ein Sprichwort. Man kann entscheiden, was man sät: Zwietracht oder Eintracht? Hass oder Liebe? Verletzung oder Vergebung? Das haben wir in der Hand.
Und auch wie wir säen: Kärglich oder reichlich? Das ist keine Frage von Sparsamkeit oder Reichtum. Es ist eine Frage der geistlichen Haltung. Kärglich kann bedeuten, eine Aufgabe ohne innere Anteilnahme zu erledigen oder einem Pflichtgefühl zu folgen oder aus einem eigenen Mangel heraus zu handeln. Reichlich kann bedeuten, dass wir uns von Gott her als ausreichend versorgt verstehen. Weil er jeder und jedem von uns gibt, deshalb können wir geben. Gott macht uns reich, deshalb können wir weiterreichen. Wir können freigiebig sein. Wir können geben aus vollem Herzen und mit vollen Händen.
Und das meint nicht nur Geld. Wir können Zeit und Aufmerksamkeit verschenken; praktische Unterstützung geben oder jemanden ermutigen; einen Menschen in einer schwierigen Lebensphase begleiten oder ihm ein offenes Ohr leihen; für jemanden beten. So kommt es wie bei Aussaat und Ernte und erneuter Aussaat zu einem Kreislauf. Zu einem Segenskreislauf zwischen Menschen, zwischen Mensch und Gott – und zuerst zwischen Gott und Mensch. Unsere geistliche Haltung wirkt sich aus in Garten und Feld, in Familie und Beruf, in Gesellschaft und Staat, in Kirche und Gemeinde. Also in allen Lebensbereichen.
Zu säen bedeutet weiterzugeben und zu teilen. Doch wie können wir ernten, wenn wir etwas weitergeben? Wir ernten keine natürlichen Früchte. Wir ernten die „Früchte der Gerechtigkeit“. Unter „Gerechtigkeit“ wird in der jüdischen Tradition das Almosengeben verstanden. Die „Früchte der Gerechtigkeit“ sind folglich das, was auf unser Geben folgt. Unsere Spende bringt uns Freude und Verbundenheit mit den Bedachten.
Und sie bringt uns noch etwas: Dankbarkeit der Beschenkten – uns und Gott gegenüber. Und Gott wiederum wird uns so beschenken, dass wir Genüge haben. Das macht auch uns dankbar. Wenn wir im Segen säen, können wir im Dank ernten! Der Segenskreislauf ist auch ein Dankeskreislauf. Wo es auf den ersten Blick um den Ausgleich von Überfluss und Mangel geht, geht es auf den zweiten Blick um Dankbarkeit gegenüber Gott und allen Menschen.
Es ist eine Perspektive, hier und jetzt die leeren Hände anderer zu füllen. Es ist eine zweite Perspektive zu wissen, dass später bei Bedarf die eigenen leeren Hände gefüllt werden. Diese Idee von Kollekte hat in der christlichen Kirche eine lange Tradition, wie wir in den Korintherbriefen lesen können. Bei jedem Gottesdienst sammeln wir für eine bestimmte Arbeit, eine Organisation oder einen Bund. Nach der Sammlung wird oft gesagt: „Gott segne Geber und Gaben und die, die sie empfangen werden.“ So sieht „im Segen geben“ ganz praktisch aus. In diesem Segen sind Geber und Empfänger miteinander verbunden. In diesem Segenskreislauf vor Gott sind wir alle mal Empfänger, mal Geber. Immer wieder beides.
01. Sep. 2021 | Allgemein, Angedacht
„Gott hat auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht.“ (Eph 2,4)
Wir haben sozusagen im „Todesstreifen der Sünde“ gelebt. Die äußerlich auf uns wirkende Kraft der Sünde und unsere innerlichen Gedanken und folgenden Taten haben uns tot sein lassen.
Tot sein heißt: von Gott getrennt sein. Die Sünde zieht eine Grenze zwischen uns und Gott. Eine Grenze auf unserer persönlichen Landkarte. In diesem Todesstreifen patroulliert die Angst, bellen die Gewissensbisse, haust die karge Lieblosigkeit.
Doch Gott hat sich mit dieser Grenzziehung nicht zufrieden gegeben. Er überwindet sie mit seiner Liebe. Er entfernt Steine und Stacheldraht, Pfosten und Pfeiler mit seiner Kraft. Er belebt das karge Land neu, streut Grassamen aus, pflanzt Blumen und Bäume und begießt alles mit seiner Gnade.
Gottes Gnade wohnt nebenan und in unseren Herzen. Sie lässt das Leben üppig wachsen, schenkt Weite und Licht, teilt Freude und Zeit, verleiht Sinn. Gottes gnädiges Handeln an uns verschiebt unsere natürlichen Grenzen. Er hat uns aus dem Todesstreifen der Sünde befreit. Er lässt uns im Lande der Lebendigen wandeln. Seine Gnade ist der rote Faden in unserem Leben, von dem alles abhängt.
Dorothea Vogel
21. Juli 2021 | Allgemein, Angedacht

Foto: Johanna Olm
Runter vom Sofa und hinein in die Welt. Sich herumtreiben und erkunden, wie weit der Horizont noch entfernt ist. Viele von uns haben jetzt das Bedürfnis, so weit zu laufen, wie es nur irgend geht. Die Enge zu verlassen, viel draußen zu sein und Menschen zu treffen. Es fühlt sich frisch an, wie eine neue Freiheit. Heiß ersehnt. Kollektiv haben wir eine Erfahrung gemacht, die uns unerwartet mit Menschen über Länder und Kontinente, über Milieus und Schichten hinweg verbunden hat, auch wenn die Schwierigkeiten ungleich verteilt waren.
Und das Bedürfnis ist nun, die Weite zu genießen. Die Schwere, das Leid, die Angst zu vergessen und in Richtung der guten Aussichten zu streben. Weit, weit weg von all dem Dunklen in ein neues Licht. Zum Glück wird es Sommer. Zum Glück haben die Cafés und Biergärten wieder geöffnet. Zum Glück könnten wir verreisen. Nur der Horizont scheint die Grenzlinie zu sein und die verrückt sich ja stetig, wie wir alle wissen, abhängig davon, wo unser Standpunkt ist. Es sind gute Aussichten, dass wir unsere Horizonte erweitern können und vielleicht wollen wir jetzt auch gar nicht mehr dahin zurück, von wo alles im vergangenen Jahr losgegangen ist, bevor das alles über uns kam. Nicht nur Horizonte verschieben sich, sondern auch unser Standpunkt hat sich verändert. Wir wollen nicht voraus in die Vergangenheit ante Coronam.
Und doch ahnen wir, dass uns mit dem mitwandernden Horizont trotzdem eine Bestimmung begleitet. Wie ein Schatten. Wir sind Menschen. Begabt, begrenzt, gefährdet. Aufeinander angewiesen. Bedürftig nach Essen, Trinken, Schutz, Liebe, Vergebung. Und vielleicht hat sich unser Horizont
dahingehend geweitet, dass wir das Einengende nicht mehr ausgrenzen müssen. Wir wissen schmerzlich, wie verletzlich das Leben ist und wie sehr wir auf der Welt mit anderen verbunden sind.
Das Bild von Johanna Olm zeigt nicht irgendein Sofa auf irgendeiner Wiese, sondern im Oderbruch, an einem Grenzfluss. Auch unsere neue Freiheit wird an Grenzen stoßen. Wir brauchen Toleranz
und tragen Verantwortung. Wir schauen hinüber und beginnen, mit anderen zu fühlen. Sie sind uns ähnlicher als wir vielleicht dachten. Wir möchten mit ihnen das neu empfangene Geschenk des Lebens teilen. Gute Aussichten menschlicher zu werden.
Pfarrer Ralf Döbbeling
14. Juli 2021 | Allgemein, Angedacht
Diese Predigt zu Mt 28, 16-20 hat Dorothea Vogel am vergangenen 6. Sonntag nach Trinitatis in der Gemeinde in Ilsenburg (Harz) gehalten. Dorothea ist angehende Prädikantin und hat diese Predigt im Rahmen des Aufbaukurses erarbeitet. Den Text stellt sie freundlicherweise als geistlichen Impuls für unsere Website zur Verfügung. Vielen Dank!
Liebe Gemeinde,
ich möchte heute gemeinsam mit Ihnen eine gedankliche Gebirgstour machen. Es geht durch verschiedene Gegenden mit kleinen und großen Bergen und durch verschiedene Zeiten.
Unser Weg beginnt in Halle, wo ich wohne. Eigentlich gibt es dort keine richtigen Berge. Und doch ist Halle hügeliger, als viele denken. Die Saale schlängelt sich nach jahrtausende langer Arbeit
durch das rötliche Porphyrgestein. Der sog. Galgenberg gehört zum Naturpark „Unteres Saaletal“. Dort gibt es typischen Trockenrasen und nur wenige Bäume und Sträucher.
Ganz anders hier rund um Ilsenburg mit seinen Mischwäldern im Nationalpark „Harz“. Der Buchberg und der Ilsestein sind beliebte Wanderziele ganz in der Nähe. Im Harz unterwegs zu sein,
ist immer wieder schön.
Auch in Galiläa gibt es Berge. Einige liegen zwischen rund 600 bis 1200 m über dem Meeresspielgel. Aufgrund von Regenreichtum sind sie üppiger bewachsen als andere Landesteile. Der Berg Meron gehört aufgrund seines Artenreichtums zu einem Naturschutzgebiet. Auf solch einen Berg bestellt Jesus seine Jünger. Und sie machen sich auf den Weg, um ihn dort zu treffen.
„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg,
wohin Jesus sie beschieden hatte.
Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder;
einige aber zweifelten.
Und Jesus trat herzu [und] redete mit ihnen […].“
Der erste Schritt ist getan, indem die Jünger zum Berg gegangen sind. Und Jesus macht einen Schritt auf seine Jünger zu und spricht sie an. Dann geht er einen Schritt weiter. Denn jetzt sollen seine Jünger gehen. „Gehet hin“ ist die erste Aufforderung an sie. Er sendet sie. Er ist der Absender. Und die Völker sind die Adressaten. „[U]nd lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Das ist die zweite Aufforderung. „Geht, um zu lehren!“ Die Sendung beinhaltet einen Lehrbefehl. Die Jünger sollen lehren. Sie sollen lehren, was sie selbst gelernt haben.
Ich denke dabei an die Bergpredigt bzw. Berglehre. An diesem Berg in Galiläa erinnert Jesus die Jünger an einen anderen Berg. Auf diesem hören sie einen Auftrag. Auf jenem hörten sie seine
Rede. Das Kernstück war das Vaterunser. Es ging um das Almosengeben und um das Fasten. In der „goldenen Regel“ gab Jesus ihnen einen Maßstab für das tägliche Leben mit. Sie lautet:
„Alles nun, war ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“
Die Seligpreisungen ermutigten viele; auch Zweifler. Und selig wird auch, wer seinen Glauben wie ein Haus auf festen Grund baut. An all dies erinnert dieser Berg. All dies sollen die Jünger lehren. All dies sollen die Völker hören. Und wer hört und glaubt, soll getauft werden. „Taufet sie“ ist die dritte Aufforderung. „Lehret und taufet!“ oder „Taufet und lehret!“ Wie herum auch immer. Beides gehört zusammen. Taufunterricht und Erwachsenentaufe gehören genauso zusammen wie Kindertaufe und Christenlehre.
Hier am Ende des Matthäus-Evangeliums verweist Jesus mit dem Befehl an diesem Berg auf die Lehre an jenem Berg. Und er verweist auf weitere Berge.
Ich denke an den Berg der Versuchung am Anfang des Evangeliums. Für mich ist das eine Mahnung, dass die Jünger auch bei ihrer Sendung Versuchungen ausgesetzt sein werden. Und ich denke an den Berg der Verklärung in der Mitte. Für mich ist das die starke, bildliche Zusage der Nähe Gottes. Die Jünger werden bei ihrer Sendung auch die überraschende Nähe Gottes erleben.
– Und diese Zusage wird hier dreifach deutlich.
1. „Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Die Taufe setzt in Beziehung. Durch die Taufe wird eine Beziehung hergestellt. Die Menschen aus allen Völkern
werden in ihrer Taufe auf Jesus bezogen. Auch wir. Jesus sendet die Jünger. Die Jünger gehen und lehren; und taufen gegebenenfalls. Und die Getauften glauben an Jesus.
Ich selbst wurde als Kleinkind getauft. Meine Eltern wählten für mich einen Taufspruch aus Psalm 121: „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß
nicht gleiten lassen und der dich behütet, schläft nicht.“ Diese beiden Verse begleiten mich schon fast mein gesamtes Leben. Und in Situationen, in denen ich dringend Hilfe benötige, mich mutlos
und verzagt fühle oder zweifle, bete ich meinen Taufspruch. Bereits diese Handlung hebt mich aus der Begrenztheit heraus.
Und so beschreibt es auch der Psalmist zu Beginn: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“ Und er fragt: „Woher kommt mir Hilfe?“ Er hebt seine Augen nach oben. Vielleicht zu den Bergen seiner
Heimat – in Gedanken wohl beim Berg Zion. Denn auf dem Berg Zion in Jerusalem lässt Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, seinen Namen wohnen. Die Frage „Woher kommt mir Hilfe?“ ist
also schon eng verknüpft mit der Antwort. „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Und so erlebe ich es auch. Ich hebe meine Augen nach oben, schaue gen
Himmel und weiß, Gottes Hilfe wird mir nahe kommen. Mein Taufspruch erinnert mich an diese Zusage.
2. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Seine Gewalt, seine Vollmacht ist Jesus gegeben worden. Sie ist ihm von Gott gegeben worden. Die Vollmacht ist eine göttliche Gabe. Der
Berg in Galiläa ist der Ort der Über-Gabe dieser Vollmacht an die Jünger. Mit jedem „wie im Himmel so auf Erden“ im Vaterunsergebet wiederholen wir nicht nur das Kernstück der Bergpredigt, sondern auch Jesu Selbstzeugnis. Wir bekennen seine Vollmacht im Himmel und auf Erden. Und dass sie uns gilt!
3. „Ich bin bei euch alle Tage.“ Bei ICH BIN denke ich an einen weiteren Berg. ICH BIN – mit diesem Namen stellt sich Gott selbst Mose am Berg Horeb vor. Und Gottes ICH BIN ist DIE Zusage überhaupt!
Es heißt soviel wie: Ich bin für dich da. Ich helfe dir. Ich gehe mit dir. Dieses ICH BIN klingt hier an. „ICH BIN bei euch alle Tage.“ Nicht nur heute oder morgen, sondern alle Tage. Im Alltag und am Sonntag. Jeden Tag.
Das heißt, weil auch wir getauft sind auf den Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sind wir in Beziehung gesetzt. Zu Gott und zueinander! Und diese Beziehung gilt zeitlich auf dieser Erde. In der Woche und am Wochenende. In meinem Leben und an meinem Lebensende. In dieser Welt und bis ans Ende der Welt. Oder anders ausgedrückt: Durch unsere Taufbeziehung gehen wir auf unser Lebensziel zu. – Und diese Beziehung gilt ewig. Wir nennen es Himmel.
Liebe Gemeinde,
es sind die kleinen Schritte, die wir in unserem Leben gehen. Mit unseren kleinen Schritten nähern wir uns dem großen Ziel. So wie wir heute auf verschiedenen Wegen hierher gekommen sind, so
werden wir nachher auf unterschiedlichen Wegen weitergehen. Die Sendung steht am Ende des Gottesdienstes. Wir werden in die Weite gehen und gehen diesen Weg als Gesandte der Zusage Jesu.
In unsere Familien hinein oder an unsere Arbeitsplätze; in unsere Freundeskreise oder in spontane Begegnungen. Vielleicht gehen wir auch in der Nähe zu einer Nachbarin, besuchen jemanden zumMittagessen oder sind zum Sonntagskaffee eingeladen.
Bei unserer Taufe wurde dieser Predigttext gelesen. – Auch uns gilt der Aufruf: „Gehet hin und lehret!“ Das ist das Priestertum aller Getauften.Wir sind unterwegs als Getaufte und als Gesandte.
Für uns aus dem Prädikantenkurs wird dieser Text auch bei der Einführung bzw. ehrenamtlichen Ordination zum Dienst der öffentlichen Verkündigung gelesen. Wir werden beauftragt den dreieinigen Gott öffentlich zu verkündigen. Wir Prädikantinnen und Prädikanten werden gesandt zu den Bergen zwischen dem westlichen Thüringen und dem südlichen Brandenburg, von der Altmark bis
zum Altenburger Land.
Wir werden von der Kirche gesandt, um alles zu lehren und zu predigen. Und nach der ehrenamtlichen Ordination, um zu taufen und das Abendmahl einzusetzen. Wir gehen nicht nur zu den Bergen. Wir machen uns auch auf den Weg in die Täler und Ebenen; in die Dorfkirchen und Stadtgemeinden. Schritt für Schritt.