Matthäus 6,21
Drei Herzgeschichten möchte ich erzählen und damit auf den Monatsspruch für Juli eingehen.
Die erste Geschichte ist die einer Frau, 52 Jahre alt. Vor Jahren hatte sie einen Mann kennengelernt und hatte beides, gute und weniger gute Gefühle. Der Kopf sagte ihr: Lass es sein, das Zusammenleben mit diesem Mann. Ihr Herz aber sagte etwas anderes: Wage es, folge deinem Gefühl. Oder, wie vor Jahren ein verfilmter Bestseller geraten hat: Geh, wohin dein Herz dich trägt. Sie folgte ihrem Herzen. Und es ging schief. „Es stimmt nicht“,sagt Paula heute „dass das Herz immer den richtigen Weg weist. Gefühle allein, so schön und erhaben sie sich oft anfühlen, machen noch keinen richtigen Weg. Ich war zu gefühlsbetont“. Heute geht es ihr wieder besser. „Man kann ja lernen“, sagt sie. Nachdenken und Lernen hilft.
Die zweite Herzgeschichte ist ein Buch aus dem Jahr 1902 mit dem Titel: „Herz der Finsternis“. Ein Kapitän fährt in Afrika einen Fluss hinauf, erlebt aber statt Ordnung nur Ausbeutung und Misshandlung. Besonders schlimm treibt es ein gewisser Kurtz. Die Begegnung mit Kurtz wird für den Kapitän eine Begegnung mit dem eigenen „Herz der Finsternis“. Das vollkommen Böse dieses Mannes stößt ihn ab und fasziniert ihn zugleich. Selbst der vollkommen „Böse“ kann zur Erkenntnis seiner selbst gelangen und sei es im Augenblick des Todes.
Es ist nie zu spät für Einsichten. „Gut“ und „Böse“ sind selten eindeutig. Der Herzensgute kann scheitern und schuldig werden; der im Herzen Böse kann sich läutern.
Und dann ist da noch die Geschichte von Jesus und der Bergpredigt. Mitten in der Bergpredigt, steht der kleine Satz von Jesus, den er über das Herz sagt: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Das Herz ist nie neutral. Unsere Gefühle sind nie „einfach so“ da. Gefühle als Schwingungen des Herzens folgen dem, was mich fasziniert. Das Herz sagt nicht einfach: Folge diesem oder jenem. Wenn mein Herz spricht, habe ich durch meine Interessen dazu beigetragen, dass es mir dies oder das sagt. Ich kann dem Herzen nicht die Schuld geben, wenn ich etwa Falsches tue. Mein Herz kann nur für das schlagen, was schon längst mein Interesse ist.
Was folgt aus den drei Herzgeschichten? Das Herz folgt dem, was mich interessiert, ist häufig Vollstrecker meiner Interessen. Das soll ich mir bewusst machen, möglichst jeden Tag. Was meine tiefsten Wünsche, Gefühle und Interessen sind, danach schlägt mein Herz. Es schlägt in dem Takt, den ich vorgebe, wenn auch vielleicht unbewusst.
Aber ich kann nachdenken und überlegen, ob mir meine Wünsche und Interessen wirklich guttun. Ich kann also mein nach allen Seiten fühlendes Herz unter Kontrolle bringen mithilfe meiner Gedanken. Das wünscht sich Jesus in der Bergpredigt. Bevor ich meinen Gefühlen folge, sollte ich überlegen, was meine Gefühle mit meinen erhofften Schätzen zu tun haben. Sind die Wünsche und Fantasien immer noch gut, wenn ich eine Weile darüber nachdenke und mich mit anderen in Ruhe darüber austausche? Lasse ich mir etwas sagen, bevor ich Gefühlen etwas überstürzt folge?
Bevor Jesus feststellt, dass der Takt unseres Herzens viel mit Wünschen und Interessen zu tun hat, hat er gesagt, was schön und wahr und manchmal schwer zu hören ist: Sammelt euch lieber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen. Anders gesagt: Gott mag es, wenn mein Herz nicht nur für mich schlägt, sondern auch für andere. Oft liegt der Schlüssel zu meinem Herzen ja gerade darin, dass ich das aufgewühlte Herz eines anderen tröste.
Ihr Pfarrer Becker