07. Mai 2025 | Angedacht
Ich stehe vor dem Spiegel und frage mich:
Bin das wirklich ich?
Oder nur ein Echo von Erwartungen,
ein Konstrukt aus Blicken und Bewertungen,
eine Hülle, geformt aus „Mach doch mal“
und „Warum bist du nicht wie…?“
Ich starre mir selbst in die Augen,
doch da ist nichts.
Kein Funken, kein Feuer, kein Ich.
Nur eine leere Fläche,
die meine Zweifel reflektiert.
Wer ist der Mensch da gegenüber?
Ist er echt oder nur ein Betrüger?
Bin das wirklich ich? Bin ich noch da?
Oder nur Fassade, Jahr für Jahr?
Und ich frage mich:
Wann genau habe ich angefangen,
mehr in anderen als in mir selbst zu sehen?
Wann wurde mein Wert ein Produkt von anderen
statt von Leidenschaft?
Wann habe ich verlernt, mich zu erkennen,
weil ich zu sehr damit beschäftigt war,
jemand anderes zu sein?
Spiegelbild, sag mir, wer ich bin,
wo führt mein Weg, was hat er für Sinn?
Bin ich nur das, was die anderen sehen,
oder steckt da mehr in meinem System?
Ich lach, wenn es von mir verlangt wird,
versteck, dass mein Herz manchmal Angst spürt.
Bin stark, wenn die Schwäche verboten ist,
doch was, wenn du hinter die Fassade blickst?
Spiegelbild, sag mir die Wahrheit:
Bin ich genug?
Oder nur eine Fassade,
die hält, solange keiner zu genau hinsieht?
Ich will mich fühlen.
Ich will mich sehen,
ohne Filter, ohne Erwartungen,
ohne das ständige „Was denken die anderen?“.
Ich will mich in meinen eigenen Augen finden,
in meiner eigenen Stimme hören,
in meinem eigenen Herzschlag spüren.
Ich will mich fühlen, will wissen, ich leb,
nicht nur funktionieren, weil’s Regeln gibt.
Ich will nicht nur das, was von außen bleibt,
ich will mein Inneres, frei von Leid.
Ich will ein Spiegelbild,
das mich nicht nur zeigt,
sondern mich erinnert,
wer ich wirklich bin.
Vielleicht ist das alles ein langer Weg,
auf dem man lernt, sich selbst zu verstehn.
Vielleicht muss ich erst durch die Schatten gehen,
um irgendwann klar in den Spiegel zu sehn.
Und wenn ich mich finde, dann bleib ich hier,
dann fall ich nicht mehr, dann gehör ich zu mir.
Dann brauch ich kein Bild, das mir sagt, wer ich bin,
dann weiß ich es selbst – von innen nach innen.
Emma Steinhardt
30. Apr. 2025 | Allgemein, Angedacht
– KÖNNEN
Eine Liste zum Streichen
Recht haben wollen
Sicherheit über Vertrauen stellen
Bitterkeit
Aus Verletzung heraus reagieren
Misstrauen
Hoffnungslosigkeit
Mich durchsetzen wollen
Unbarmherzig sein
Gleichgültigkeit
Abgelenkt sein
+ SINGEN
Eine Liste zum Staunen
Gott versöhnt und macht Versöhnung möglich
Gott ist größer als ich
Gott ist König und regiert
Gott lädt mich ein, Teil seiner Geschichte mit den Menschen zu werden
Reich Gottes funktioniert so anders als unsere Welt
Gott wurde Mensch, wurde wie wir, kommt mir nah
Gott heilt, verbindet, befreit
Gott schenkt Frieden über mein Verstehen hinaus
= WERDEN
Eine Liste zum Einüben
Staunen über mir Verborgenes
Fragen, um zu verstehen
Gnädiger mit mir und meinen Mitmenschen sein
Suchen, um zu finden
Gefunden werden
Am Kreuz weise werden
Großzügig vertrauen
Friedensbotschafterin werden
Versöhnt sein
Hanna Löffler
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19. Feb. 2025 | Angedacht
Diese Redensart hat mein Opa gern verwendet. Im ersten Satz tut der Mensch etwas und im zweiten Satz, wie eine Reaktion darauf, kommt Gott ins Spiel. Aber das ist trügerisch. Die Pointe dahinter scheint mir zu sein, dass Gott immer schon da ist und die Welt in den Händen hält. Das Gelingen in unserem Tun, das haben wir nicht ganz in der Hand. Wir können große Pläne machen, uns Fantastisches ausdenken, aber was wirklich geschieht, was Wirklichkeit wird, das liegt bei Gott.
Manche deuten den Spruch so weit, dass Gott alles steuern und vorherbestimmen würde. Dann wären wir Menschen nur noch Spielfiguren, die glauben, selbst zu entscheiden, aber diese gefühlte Freiheit wäre Illusion. Tatsächlich hat mir diese Vorstellung zu Schulzeiten gefallen. Ich erinnere mich noch an rege Diskussionen im Religionsunterricht. Damals dachte ich: Das ist doch nicht so schlimm, wenn Gott alles bestimmt. Es ist doch egal, ob die Freiheit nur eingebildet ist, solange es sich so anfühlt, als wäre ich frei. Aber was ist denn, wenn es sich nicht so anfühlt? Menschen erleben Unfreiheit, Menschen erleben Schicksalsschläge. Das wären dann aber Gottes Schläge, denn Gott lenkt ja. Spätestens jetzt wird es schwierig.
Im Kirchenjahr sind wir in der Zeit zwischen Weihnachten und Ostern. Gott ist Mensch geworden, wahrer Mensch mit eigenen Gedanken und Gefühlen. Jesus lebt und fühlt wie seine Mitmenschen. Sein Los ist der Tod am Kreuz. Was denkt der Mensch Jesus? Lenkt der Vater im Himmel? Im Garten Gethsemane betet Jesus:
Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;
doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! (Mt 26,39)
Gott gibt sich selbst ins Leiden, in die Unfreiheit, er wird ausgeliefert. Als Mensch überwindet Gott den Tod und die Unfreiheit für die Menschen: Ein Weg durchs Kreuz ins Licht. Das macht mir Hoffnung und das gibt mir Mut, mein Leben in Gottes Hände zu legen. Ich vertraue darauf, dass Gott mich auch im Leiden begleitet, so wie er mir Freude geschenkt hat. Gott begleitet mich durch Umbrüche und Wendepunkte.
Ich habe mir nicht ausgedacht, Vikar in der Bartholomäusgemeinde zu werden und auch nicht, mich im März 2025 verabschieden zu müssen. Das waren andere Menschen, aber Gott hat auf jeden Fall seinen Segen dazu gegeben. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, für die wunderbaren Begegnungen und unsere Gemeinschaft. Es erfüllt mich mit Kraft und Freude für meine neuen Aufgaben und ich habe viel lernen und erfahren dürfen. Ganz bestimmt kann ich „Auf Wiedersehen“ sagen, denn meine Familie und ich werden der Bartholomäusgemeinde verbunden bleiben.
Fridolin Wegscheider
23. Sep. 2024 | Allgemein, Angedacht
Als der Nürnberger Drucker Jobst Gutknecht um die Jahreswende 1523/24 das „Achtliederbuch“ herausgab, begann damit eine neue Tradition. Es wurde gemeinsam in der Kirche gesungen und auch die ersten Chöre entstanden. Das hatte mit dem reformatorischen Grundsatz der Beteiligung aller Gläubigen zu tun und damit, dass die gute Nachricht von der freien Gnade auch durch Lieder verbreitet werden sollte. Lieder wie „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ wurden wie das Mondlicht in der düsteren Nacht des Lebens empfunden. Bis heute können wir ein Lied davon singen, wie viel Einfluss Musik auf unser Leben hat.
Für mich ist das gemeinsame Singen in der Kirche oft der stimmungsvollste Moment im Gottesdienst und damit auch der körperlichste. Da spüre ich, dass mein Körper glaubt, hofft, sich freut oder trauert.
Es ist unvorstellbar, wie still die Welt wäre, wenn ihr Schweigen nicht durch Singen und Spielen erfüllt würde. Dabei: So still ist sie ja gar nicht, sondern wir stimmen mit dem Gesang ein in den vielstimmigen Chor der belebten und unbelebten Natur. Und seit September müssen wir das noch mehr tun, da die gefiederten Sänger auf Konzertreise in den Süden geflogen sind und gerade unserem Chor abgehen. Denn so recht reißt uns die Musik nur mit, wenn wir einstimmen in das vielstimmige Lob Gottes. Erst beim Singen entfalten die Verse ihre Kraft. Sie bereichern unsere Seele, indem sie kleine Widerhaken setzen und wir immer wieder durch Ohrwürmer in eine neue Schwingung versetzt werden. Plötzlich schlägt die Stimmung um und wir werden erhoben mit Harmonien und – wenn es glückt – mit Momenten des Singens im Konzert oder auf einer Feier verbunden.
Übrigens wird in jedem Gottesdienst gemeinsam gesungen. Mindestens fünf Lieder werden gespielt. Das gemeinsame Singen ist mittlerweile kein Alleinstellungsmerkmal des evangelischen Gottesdienstes mehr, aber immer noch sehr prägend. Doch die Lieder stammen längst nicht mehr aus Luthers oder barocken Zeiten allein. Viele Liederbücher wurden in den 500 Jahren seit Gutknechts „Achtliederbuch“ herausgegeben und selbst das aktuelle evangelische Gesangbuch ist nicht das einzige Liederbuch, aus dem gesungen wird.
Um mit den vielen schönen Neukompositionen Schritt zu halten, die allein in den letzten Jahren geschrieben worden sind, nutzen wir in der Kirche mittlerweile Bildschirme, um spontan neue Lieder gemeinsam singen zu können. Wenn Sie aber die Geschichte des evangelischen Liedes mal zusammengefasst erleben und einstimmen wollen, schauen Sie doch mal das Video an vom Mitsing-Projekt zum 500. Geburtstag des Gesangbuchs. Zu dieser Präsentation in der Wittenberger Schlosskirche, die auch auf der Briefmarke abgebildet ist, gibt es anlässlich des Jubiläums auch ein Mitsinggesangbuch zum Download.
Sollt ich meinem Gott nicht singen?
Ralf Döbbeling
22. Mai 2024 | Allgemein, Angedacht
In den Psalmen lesen wir es, im Gottesdienst singen wir es und vielleicht ertönt es auch hin und wieder in Ihrem Alltag. Mit einem gewissen Unterton und der Betonung auf der ersten und dritten Silbe, wenn jemand etwas besonders unterstreichen möchte: „Das war aber ein Gewitter. Halleluja.“ So, als ob damit ein Geschehen an Bedeutung gewinnt. Oder wenn man sich mit dem Hammer auf den Finger geschlagen hat. Dann lässt vielleicht der Schmerz schneller nach, wenn ein Halleluja folgt. Was gäbe es sonst für einen Grund, dass dieses hebräische Wort so einen Eingang in die Umgangssprache auch bei Nichtchristen gefunden hat.
Eigentlich ist es ein ganzer Satz mit einer Aufforderung: „Lobt den HERRN“. Und so ist er auch immer wieder im Alltag zu hören, wenn eine Freudenbotschaft unterstrichen werden soll. Da geht der Dank gleich in die richtige Richtung: Nicht dem Zufall oder dem Schicksal wird gedankt, wenn es ein freudiges Ereignis gibt, sondern dem HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat und immer noch die Fäden in der Hand hält.
Schon in der Antike erschallte das Halleluja in den jüdischen Gottesdiensten und alttestamentlichen Gebetsrufen und wir kennen es in vielen Psalmen. In den christlichen Gottesdiensten wurde es dann noch häufiger benutzt im Zusammenhang mit dem österlichen Auferstehungsruf: „Halleluja – der Herr ist auferstanden – Halleluja.“ So hat es fast eine Scharnierfunktion: Es knüpft an unsere jüdischen Wurzeln an und eröffnet eine neue Zukunft, die untrennbar mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus verbunden ist.
Auch in unseren Gottesdiensten hatte der Jubelruf seinen festen Platz, indem er mit der Brieflesung verbunden war. Allerdings gibt es in unseren jetzigen Gottesdiensten in aller Regel nur eine neutestamentliche Lesung, und zwar das Evangelium. So verschwand das Halleluja heimlich, still und leise.
Schade – ist es doch dieser Ruf, der uns von uns selber und unseren Sorgen aufschauen lässt auf den Auferstandenen, der für uns sorgt. Heißt es doch: „Loben zieht nach oben“.
Wir haben uns das in der Liturgischen Kommission der Gemeinde in den vergangenen Monaten einmal genau angeschaut und lassen das Halleluja wieder eine Heimat im Gottesdienst finden. Es bekommt einen Ehrenplatz unmittelbar vor der Lesung des Evangeliums. Damit uns dieses Lob besser nach oben zieht, stehen wir dazu auf. Dann geht es leichter. Und vielleicht können wir dieses Halleluja wieder mehr in unseren Alltag einziehen lassen. Nicht nur bei durchnässter Kleidung oder einem blauen Daumen als ein Klageruf, sondern als ein Jubelruf auch dann, wenn es wehtut. Denn mit dem auferstandenen Christus gibt es eine neue Wirklichkeit für uns.
Halleluja.
Reinhard Grohmann
17. Apr. 2024 | Allgemein, Angedacht

Foto: Fundus/Verena Hilß
Ich liebe Gedichte. Die Art, wie die Worte die Dinge umschmeicheln und ihnen ein neues Gesicht geben. Das gefällt mir. Nur leider kann ich sie mir kaum merken. Wie gerne würde ich wie andere Menschen – vor allem frühere Schuljahrgänge – Gedichte auswendig kennen und sie bei Gelegenheit ohne die Hilfe einer Suchmaschine aufsagen können. Und doch habe ich mir den ein oder anderen Vers gemerkt. Z.B. diesen: «Es knospt unter den Blättern, das nennen sie Herbst.» Er haftete früher mal eine Zeit lang an meinem Spiegel im Bad und schaute mich an. So hat sich mir ausnahmsweise eine Zeile eingeprägt.
Um zu erfahren, wer es geschrieben hat, musste ich dann aber schon wieder das Internet befragen. Dieses Gedicht stammt von Hilde Domin. Es verbindet die Beobachtung von fallenden Blättern, an deren Stelle schon Knospen erscheinen, mit der Erwartung neuen Wachstums. Und sie sagt, sie behaupten, das sei der Herbst. Dabei sind wir doch gewohnt, diese Zeit Frühling zu nennen. Das liegt daran, dass wir die Vorbereitung sprießender Blätter und Blüten nicht so sehr bemerken wie deren Aufbrechen.
Aber hat die Dichterin nicht Recht? Beginnt erst jetzt mit dem Blühen das Neue oder wurde es nicht schon früher so angelegt? Ein ebenso dichter Satz lautet: «Am Karfreitag wurde ein Auferstandener gekreuzigt». Er ist auch von einer umsichtigen Frau geschrieben, von Regula Strobel. Und ebenso löst er Wundern aus. Ein Gekreuzigter an Ostern und ein Auferstandener an Karfreitag? Wie eine Knospe im Herbst? Es ist doch anders oder?!
Es gibt vereinzelt Auferstehungserfahrungen vor dem Tod. Nein, es muss sie sogar geben. Ohne Auferstehung mitten im Leben und ein auferwecktes Leben vor dem Tod keine Auferstehung aus den Toten. Die lebendige Kraft des auferstandenen Jesus von Nazareth macht auch die sterblichen Menschen lebendig und wir können mit dieser Hoffnung erstaunliche, unzeitige Dinge tun. Wir nehmen quasi die Auferstehung aus den Toten vorweg. Immer dann, wenn wir den Tod in allen seinen entmutigenden, traurigen Formen nicht die letzte Instanz sein lassen, wirkt die Kraft der Auferstehung schon jetzt in uns. Ein Ostern an jedem normalen Tag. Frühling beginnt im Herbst, so wie Jesus prae mortem so viel Leben versprüht und für das Leben aufsteht, dass auch der Tod ihn nicht festhalten kann.
Die iroschottischen Mönche begannen ihren Tag mit einer Segnung: Ich erhebe mich heute in der Kraft der Auferstehung Jesu Christi. Sie wandten die Kraft des gekreuzigten Auferstandenen auf sich an. Und dann verließen sie ihre Kammer und begegneten den Herausforderungen des Tages. Wie sie können auch wir die Erfahrung machen: Einen Auferstandenen besiegt kein Tod. Unter unseren Händen und in unserer Sprache knospt schon das neue Leben.
Ralf Döbbeling